Ernst und Falk (1778a) Ernst und Falk (1778b) Ernst und Falk (1778c)
1
[1] Ernſt und Falk.
Geſpraͤche
fuͤr
Freymaͤurer. Wolfenbuͤttel. 17781.
[1] Ernſt und Falk.
Geſpraͤche
fuͤr
Freymaͤurer. Wolfenbuͤttel. 17781.
[1] Ernſt und Falk.
Geſpraͤche
fuͤr
Freymaͤurer. Zweite Auflage
Wolfenbuͤtttel. 1781
1.
2
[2]
[2]
[2]
3
[3] Sr. Durchlaucht
dem
Herzoge Ferdinand.
[3] Sr. Durchlaucht
dem
Herzoge Ferdinand.
[3] Sr. Durchlaucht
dem
Herzoge Ferdinand.
4
[4]
[4]
[4]
5
[5] Durchlauchtigſter Herzog,
Auch ich war an der Quelle der
Wahrheit, und ſchoͤpfte. Wie
tief ich geſchoͤpft habe, kann nur
der beurtheilen, von dem ich die
Erlaubniß erwarte, noch tiefer zu
[5] Durchlauchtigſter Herzog,
Auch ich war an der Quelle der
Wahrheit, und ſchoͤpfte. Wie
tief ich geſchoͤpft habe, kann nur
der beurtheilen, von dem ich die
Erlaubniß erwarte, noch tiefer zu
[5] Durchlauchtigſter Herzog,
Auch ich war an der Quelle der
Wahrheit, und ſchoͤpfte. Wie
tief ich geſchoͤpft habe, kann nur
der beurtheilen, von dem ich die
Erlaubniß erwarte, noch tiefer zu
6
[6]
ſchoͤpfen. — Das Volk lechzet
ſchon lange und vergehet vor
Durſt. —
Ew. Durchlaucht,
unterthaͤnigſter Knecht
[6]
ſchoͤpfen. — Das Volk lechzet
ſchon lange und vergehet vor
Durſt. —
Ew. Durchlaucht,
unterthaͤnigſter Knecht
— —
[6]
ſchoͤpfen. — Das Volk lechzet
ſchon lange und vergehet vor
Durſt. —
Ew. Durchlaucht,
unterthaͤnigſter Knecht
7
[7]
Vorrede eines Dritten.
Wenn nachſtehende Blaͤtter die wahre
Ontologie der Freymaͤurerey nicht ent-
halten: ſo waͤre ich begierig zu erfahren,
in welcher von den unzaͤhligen Schriften,
die ſie veranlaßt hat, ein mehr beſtimm-
ter Begriff von ihrer Weſenheit gegeben
werde. Wenn aber die Freymaͤurer alle, von
welchem Schlage ſie auch immer ſeyn moͤ-
gen, gern einraͤumen werden, daß der
hier angezeigte Geſichtspunkt der einzige
iſt, aus welchem — ſich nicht einem bloͤ-
den Auge ein bloſſes Phantom zeigt, —
ſondern geſunde Augen eine wahre Ge-
ſtalt erblicken: ſo duͤrfte nur noch die
[7]
Vorrede. eines Dritten.
Wenn nachſtehende Blaͤtter die wahre
Ontologie der Freymaͤurerey nicht ent-
halten: ſo waͤre ich begierig zu erfahren,
in welcher von den unzaͤhligen Schriften,
die ſie veranlaßt hat, ein mehr beſtimm-
ter Begriff von ihrer Weſenheit gegeben
werde. Wenn aber die Freymaͤurer alle, von
welchem Schlage ſie auch immer ſeyn moͤ-
gen, gern einraͤumen werden, daß der
hier angezeigte Geſichtspunkt der einzige
iſt, aus welchem — ſich nicht einem bloͤ-
den Auge ein bloſſes Phantom zeigt, —
ſondern geſunde Augen eine wahre Ge-
ſtalt erblicken: ſo duͤrfte nur noch die
[7]
Vorrede eines Dritten.
Wenn nachſtehende Blaͤtter die wahre
Ontologie der Freymaͤurerey nicht ent-
halten: ſo waͤre ich begierig zu erfahren,
in welcher von den unzaͤhligen Schriften,
die ſie veranlaßt hat, ein mehr beſtimm-
ter Begriff von ihrer Weſenheit gegeben
werde. Wenn aber die Freymaͤurer alle, von
welchem Schlage ſie auch immer ſeyn moͤ-
gen, gern einraͤumen werden, daß der
hier angezeigte Geſichtspunkt der einzige
iſt, aus welchem — ſich nicht einem bloͤ-
den Auge ein bloſſes Phantom zeigt, —
ſondern geſunde Augen eine wahre Ge-
ſtalt erblicken: ſo duͤrfte nur noch die
8
[8]
Frage entſtehen; warum man nicht laͤngſt,
ſo deutlich mit der Sprache herausgegan-
gen ſey?
Auf dieſe Frage waͤre vielerley zu ant-
worten. Doch wird man ſchwerlich eine
andere Frage finden, die mit ihr mehr
Aehnlichkeit habe, als die: warum in dem
Chriſtenthume die ſyſtematiſchen Lehrbuͤ-
cher ſo ſpaͤt entſtanden ſind? warum es
ſo viele und gute Chriſten gegeben hat,
die ihren Glauben auf eine verſtaͤndliche
Art weder angeben konnten, noch wolten?
Auch waͤre dieſes im Chriſtenthume
noch immer zu fruͤh geſchehen, indem der
Glaube ſelbſt vielleicht wenig dabey ge-
wonnen: wenn ſich Chriſten nur nicht haͤt-
ten einfallen laſſen, ihn auf eine ganz
widerſinnige Art angeben zu wollen.
Man mache hiervon die Anwendung
ſelbſt.
[8]
Frage entſtehen; warum man nicht laͤngſt,
ſo deutlich mit der Sprache herausgegan-
gen ſey?
Auf dieſe Frage waͤre vielerley zu ant-
worten. Doch wird man ſchwerlich eine
andere Frage finden, die mit ihr mehr
Aehnlichkeit habe, als die: warum in dem
Chriſtenthume die ſyſtematiſchen Lehrbuͤ-
cher ſo ſpaͤt entſtanden ſind? warum es
ſo viele und gute Chriſten gegeben hat,
die ihren Glauben auf eine verſtaͤndliche
Art weder angeben konnten, noch wolten?
Auch waͤre dieſes im Chriſtenthume
noch immer zu fruͤh geſchehen, indem der
Glaube ſelbſt vielleicht wenig dabey ge-
wonnen: wenn ſich Chriſten nur nicht haͤt-
ten einfallen laſſen, ihn auf eine ganz
widerſinnige Art angeben zu wollen.
Man mache hiervon die Anwendung
ſelbſt.
[8]
Frage entſtehen; warum man nicht laͤngſt,
ſo deutlich mit der Sprache herausgegan-
gen ſey?
Auf dieſe Frage waͤre vielerley zu ant-
worten. Doch wird man ſchwerlich eine
andere Frage finden, die mit ihr mehr
Aehnlichkeit habe, als die: warum in dem
Chriſtenthume die ſyſtematiſchen Lehrbuͤ-
cher ſo ſpaͤt entſtanden ſind? warum es
ſo viele und gute Chriſten gegeben hat,
die ihren Glauben auf eine verſtaͤndliche
Art weder angeben konnten, noch wolten?
Auch waͤre dieſes im Chriſtenthume noch
immer zu fruͤh geſchehen, indem der Glau-
be ſelbſt vielleicht wenig dabey gewonnen:
wenn ſich Chriſten nur nicht haͤtten einfal-
len laſſen, ihn auf eine ganz widerſinnige
Art angeben zu wollen.
Man mache hiervon die Anwendung
ſelbſt.
9
[9]
Erſtes Geſpraͤch.

Ernſt.
Woran denkſt du, Freund?
Falk.
An nichts.
Ernſt.
Aber du biſt ſo ſtill.
[9]
Erſtes Geſpraͤch.

Ernſt.
Woran denkſt du, Freund?
Falk.
An nichts.
Ernſt.
Aber du biſt ſo ſtill.
[9]
Erſtes Geſpraͤch.

Ernſt.
Woran denkſt du, Freund?
Falk.
An nichts.
Ernſt.
Aber du biſt ſo ſtill.
10
[10]
Falk.
Eben darum. Wer denkt, wenn er genießt.
Und ich genieſſe des erquickenden Morgens.
Ernſt.
Du haſt Recht; und du haͤtteſt mir meine
Frage nur zuruͤckgeben duͤrfen.
Falk.
Wenn ich an etwas daͤchte, wuͤrde ich dar-
uͤber ſprechen. Nichts geht uͤber das laut den-
ken mit einem Freunde.
Ernſt.
Gewiß.
Falk.
Haſt du des ſchoͤnen Morgens ſchon genug
genoſſen; faͤllt dir etwas ein: ſo ſprich du. Mir
faͤllt nichts ein.
[10]
Falk.
Eben darum. Wer denkt, wenn er genießt.
Und ich genieſſe des erquickenden Morgens.
Ernſt.
Du haſt Recht; und du haͤtteſt mir meine
Frage nur zuruͤckgeben duͤrfen.
Falk.
Wenn ich an etwas daͤchte, wuͤrde ich dar-
uͤber ſprechen. Nichts geht uͤber das laut den-
ken mit einem Freunde.
Ernſt.
Gewiß.
Falk.
Haſt du des ſchoͤnen Morgens ſchon genug
genoſſen; faͤllt dir etwas ein: ſo ſprich du. Mir
faͤllt nichts ein.
[10]
Falk.
Eben darum. Wer denkt, wenn er genießt.
Und ich genieſſe des erquickenden Morgens.
Ernſt.
Du haſt Recht; und du haͤtteſt mir meine
Frage nur zuruͤckgeben duͤrfen.
Falk.
Wenn ich an etwas daͤchte, wuͤrde ich dar-
uͤber ſprechen. Nichts geht uͤber das laut den-
ken mit einem Freunde.
Ernſt.
Gewiß.
Falk.
Haſt du des ſchoͤnen Morgens ſchon genug
genoſſen; faͤllt dir etwas ein: ſo ſprich du. Mir
faͤllt nichts ein.
11
[11]
Ernſt.
Gut das! — Mir faͤllt ein, daß ich dich
ſchon laͤngſt um etwas fragen wollen.
Falk.
So frage doch.
Ernſt.
Iſt es wahr, Freund, daß du ein Freymaͤu-
rer biſt?
Falk.
Die Frage iſt eines der keiner iſt.
Ernſt.
Freylich! — Aber antworte mir gerader
zu. — Biſt du ein Freymaͤurer?
[11]
Ernſt.
Gut das! — Mir faͤllt ein, daß ich dich
ſchon laͤngſt um etwas fragen wollen.
Falk.
So frage doch.
Ernſt.
Iſt es wahr, Freund, daß du ein Freymaͤu-
rer biſt?
Falk.
Die Frage iſt eines der keiner iſt.
Ernſt.
Freylich! — Aber antworte mir gerader
zu. — Biſt du ein Freymaͤurer?
[11]
Ernſt.
Gut das! — Mir faͤllt ein, daß ich dich
ſchon laͤngſt um etwas fragen wollen.
Falk.
So frage doch.
Ernſt.
Iſt es wahr, Freund, daß du ein Freymaͤu-
rer biſt?
Falk.
Die Frage iſt eines der keiner iſt.
Ernſt.
Freylich! — Aber antworte mir gerader
zu. — Biſt du ein Freymaͤurer?
12
[12]
Falk.
Ich glaube es zu ſeyn.
Ernſt.
Die Antwort iſt eines, der ſeiner Sache eben
nicht gewiß iſt.
Falk.
O doch! Ich bin meiner Sache ſo ziemlich
gewiß.
Ernſt.
Denn du wirſt ja wohl wiſſen, ob und wenn
und wo und von wem du aufgenommen wor-
den.
Falk.
Das weiß ich allerdings; aber das wuͤrde ſo
viel nicht ſagen wollen.
[12]
Falk.
Ich glaube es zu ſeyn.
Ernſt.
Die Antwort iſt eines, der ſeiner Sache eben
nicht gewiß iſt.
Falk.
O doch! Ich bin meiner Sache ſo ziemlich
gewiß.
Ernſt.
Denn du wirſt ja wohl wiſſen, ob und wenn
und wo und von wem du aufgenommen wor-
den.
Falk.
Das weiß ich allerdings; aber das wuͤrde ſo
viel nicht ſagen wollen.
[12]
Falk.
Ich glaube es zu ſeyn.
Ernſt.
Die Antwort iſt eines, der ſeiner Sache eben
nicht gewiß iſt.
Falk.
O doch! ich bin meiner Sache ſo ziemlich
gewiß.
Ernſt.
Denn du wirſt ja wohl wiſſen, ob und wenn
und wo und von wem du aufgenommen wor-
den.
Falk.
Das weiß ich allerdings; aber das wuͤrde ſo
viel nicht ſagen wollen.
13
[13]
Ernſt.
Nicht?
Falk.
Wer nimmt nicht auf, und wer wird nicht
aufgenommen!
Ernſt.
Erklaͤre dich.
Falk.
Ich glaube ein Freymaͤurer zu ſeyn; nicht
ſo wohl, weil ich von aͤlteren Maurern in einer
geſetzlichen Loge aufgenommen worden: ſondern
weil ich einſehe und erkenne, was und warum
die Freymaͤurerey iſt, wenn und wo ſie geweſen,
wie und wodurch ſie befoͤrdert oder gehindert
wird.
[13]
Ernſt.
Nicht?
Falk.
Wer nimmt nicht auf, und wer wird nicht
aufgenommen!
Ernſt.
Erklaͤre dich.
Falk.
Ich glaube ein Freymaͤurer zu ſeyn; nicht
ſo wohl, weil ich von aͤlteren Maurern in einer
geſetzlichen Loge aufgenommen worden: ſondern
weil ich einſehe und erkenne, was und warum
die Freymaͤurerey iſt, wenn und wo ſie geweſen,
wie und wodurch ſie befoͤrdert oder gehindert
wird.
[13]
Ernſt.
Nicht?
Falk.
Wer nimmt nicht auf, und wer wird nicht
aufgenommen!
Ernſt.
Erklaͤre dich.
Falk.
Ich glaube ein Freymaͤurer zu ſeyn; nicht
ſo wohl, weil ich von aͤlteren Maurern in einer
geſetzlichen Loge aufgenommen worden: ſondern
weil ich einſehe und erkenne, was und warum
die Freymaͤurerey iſt, wenn und wo ſie geweſen,
wie und wodurch ſie befoͤrdert oder gehindert
wird.
14
[14]
Ernſt.
Und druͤckſt dich gleichwohl ſo zweifelhaft
aus? — Ich glaube einer zu ſeyn!
Falk.
Dieſes Ausdrucks bin ich nun ſo gewohnt.
Nicht zwar, als ob ich Mangel an eigner Ueber-
zeugung haͤtte: ſondern weil ich nicht gern mich
jemanden gerade in den Weg ſtellen mag.
Ernſt.
Du antworteſt mir als einem Fremden.
Falk.
Fremder oder Freund!
Ernſt.
Du biſt aufgenommen, du weiſt alles — —
[14]
Ernſt.
Und druͤckſt dich gleichwohl ſo zweifelhaft
aus? — Ich glaube einer zu ſeyn!
Falk.
Dieſes Ausdrucks bin ich nun ſo gewohnt.
Nicht zwar, als ob ich Mangel an eigner Ueber-
zeugung haͤtte: ſondern weil ich nicht gern mich
jemanden gerade in den Weg ſtellen mag.
Ernſt.
Du antworteſt mir als einem Fremden.
Falk.
Fremder oder Freund!
Ernſt.
Du biſt aufgenommen, du weiſt alles — —
[14]
Ernſt.
Und druͤckſt dich gleichwohl ſo zweifelhaft
aus? — Ich glaube einer zu ſeyn!
Falk.
Dieſes Ausdrucks bin ich nun ſo gewohnt.
Nicht zwar, als ob ich Mangel an eigner Ueber-
zeugung haͤtte: ſondern weil ich nicht gern mich
jemanden gerade in den Weg ſtellen mag.
Ernſt.
Du antworteſt mir als einem Fremden.
Falk.
Fremder oder Freund!
Ernſt.
Du biſt aufgenommen, du weiſt alles — —
15
[15]
Falk.
Andere ſind auch aufgenommen, und glauben
zu wiſſen.
Ernſt.
Koͤnnteſt du denn aufgenommen ſeyn, ohne
zu wiſſen, was du weißt?
Falk.
Leider!
Ernſt.
Wie ſo?
Falk.
Weil viele, welche aufnehmen, es ſelbſt nicht
wiſſen; die wenigen aber, die es wiſſen, es
nicht ſagen koͤnnen.
[15]
Falk.
Andere ſind auch aufgenommen, und glauben
zu wiſſen.
Ernſt.
Koͤnnteſt du denn aufgenommen ſeyn, ohne
zu wiſſen, was du weißt?
Falk.
Leider!
Ernſt.
Wie ſo?
Falk.
Weil viele, welche aufnehmen, es ſelbſt nicht
wiſſen; die wenigen aber, die es wiſſen, es
nicht ſagen koͤnnen.
[15]
Falk.
Andere ſind auch aufgenommen, und glauben
zu wiſſen.
Ernſt.
Koͤnnteſt du denn aufgenommen ſeyn, ohne
zu wiſſen, was du weißt?
Falk.
Leider!
Ernſt.
Wie ſo?
Falk.
Weil viele, welche aufnehmen, es ſelbſt nicht
wiſſen; die wenigen aber, die es wiſſen, es
nicht ſagen koͤnnen.
16
[16]
Ernſt.
Und koͤnnteſt du denn1 wiſſen, was du weißt,
ohne aufgenommen zu ſeyn?
Falk.
Warum nicht? — Die Freymaͤurerey iſt
nichts willkuͤhrliches, nichts entbehrliches: ſon-
dern etwas nothwendiges, das in dem Weſen
des Menſchen und der buͤrgerlichen Geſellſchaft
gegruͤndet iſt. Folglich muß man auch durch
eignes Nachdenken eben ſo wohl darauf verfallen
koͤnnen, als man durch Anleitung darauf gefuͤh-
ret wird.
Ernſt.
Die Freymaͤurerey waͤre nichts Willkuͤhrli-
ches? — Hat ſie nicht Worte und Zeichen und
Gebraͤuche, welche alle anders ſeyn koͤnnten,
und folglich willkuͤhrlich ſind?
[16]
Ernſt.
Und koͤnnteſt du den1 wiſſen, was du weißt,
ohne aufgenommen zu ſeyn?
Falk.
Warum nicht? — Die Freymaͤurerey iſt
nichts willkuͤhrliches, nichts entbehrliches: ſon-
dern etwas nothwendiges, das in dem Weſen
des Menſchen und der buͤrgerlichen Geſellſchaft
gegruͤndet iſt. Folglich muß man auch durch
eignes Nachdenken eben ſo wohl darauf verfallen
koͤnnen, als man durch Anleitung darauf gefuͤh-
ret wird.
Ernſt.
Die Freymaͤurerey waͤre nichts Willkuͤhrli-
ches? — Hat ſie nicht Worte und Zeichen und
Gebraͤuche, welche alle anders ſeyn koͤnnten,
und folglich willkuͤhrlich ſind.
[16]
Ernſt.
Und koͤnnteſt du denn1 wiſſen, was du weißt,
ohne aufgenommen zu ſeyn?
Falk.
Warum nicht? — Die Freymaͤurerey iſt
nichts willkuͤhrliches, nichts entbehrliches: ſon-
dern etwas nothwendiges, das in dem Weſen
des Menſchen und der buͤrgerlichen Geſellſchaft
gegruͤndet iſt. Folglich muß man auch durch
eignes Nachdenken eben ſo wohl darauf verfallen
koͤnnen, als man durch Anleitung darauf gefuͤh-
ret wird.
Ernſt.
Die Freymaͤurerey waͤre nichts Willkuͤhrli-
ches? — Hat ſie nicht Worte und Zeichen und
Gebraͤuche, welche alle anders ſeyn koͤnnten,
und folglich willkuͤhrlich ſind?
17
[17]
Falk.
Das hat ſie. Aber dieſe Worte und dieſe
Zeichen und dieſe Gebraͤuche, ſind nicht die
Freymaͤurerey.
Ernſt.
Die Freymaͤurerey waͤre nichts Entbehrli-
ches? — Wie machten es denn die Menſchen,
als die Freymaͤurerey noch nicht war?
Falk.
Die Freymaͤurerey war immer.
Ernſt.
Nun was iſt ſie denn, dieſe nothwendige,
dieſe unentbehrliche Freymaͤurerey?
[17]
Falk.
Das hat ſie. Aber dieſe Worte und dieſe
Zeichen und dieſe Gebraͤuche, ſind nicht die
Freymaͤurerey.
Ernſt.
Die Freymaͤurerey waͤre nichts Entbehrli-
ches? — Wie machten es denn die Menſchen,
als die Freymaͤurerey noch nicht war?
Falk.
Die Freymaͤurerey war immer.
Ernſt.
Nun was iſt ſie denn, dieſe nothwendige,
dieſe unentbehrliche Freymaͤurerey?
[17]
Falk.
Das hat ſie. Aber dieſe Worte und dieſe
Zeichen und dieſe Gebraͤuche, ſind nicht die
Freymaͤurerey.
Ernſt.
Die Freymaͤurerey waͤre nichts Entbehrli-
ches? — Wie machten es denn die Menſchen,
als die Freymaͤurerey noch nicht war?
Falk.
Die Freymaͤurerey war immer.
Ernſt.
Nun was iſt ſie denn, dieſe nothwendige,
dieſe unentbehrliche Freymaͤurerey?
18
[18]
Falk.
Wie ich dir ſchon zu verſtehen gegeben: —
Etwas, das ſelbſt die, die es wiſſen, nicht ſa-
gen koͤnnen.
Ernſt.
Alſo ein Unding.
Falk.
Uebereile dich nicht.
Ernſt.
Wovon ich einen Begriff habe, das kann
ich auch mit Worten ausdruͤcken.
Falk.
Nicht immer; und oft wenigſtens nicht ſo,
daß andre durch die Worte vollkommen eben
[18]
Falk.
Wie ich dir ſchon zu verſtehen gegeben: —
Etwas, das ſelbſt die, die es wiſſen, nicht ſa-
gen koͤnnen.
Ernſt.
Alſo ein Unding.
Falk.
Uebereile dich nicht.
Ernſt.
Wovon ich einen Begriff habe, das kann
ich auch mit Worten ausdruͤcken.
Falk.
Nicht immer; und oft wenigſtens nicht ſo,
daß andre durch die Worte vollkommen eben
[18]
Falk.
Wie ich dir ſchon zu verſtehen gegeben: —
Etwas, das ſelbſt die, die es wiſſen, nicht ſa-
gen koͤnnen.
Ernſt.
Alſo ein Unding.
Falk.
Uebereile dich nicht.
Ernſt.
Wovon ich einen Begriff habe, das kann
ich auch mit Worten ausdruͤcken.
Falk.
Nicht immer; und oft wenigſtens nicht ſo,
daß andre durch die Worte vollkommen eben
19
[19]
denſelben Begriff bekommen, den ich dabey
habe.
Ernſt.
Wenn nicht vollkommen eben denſelben, doch
einen etwanigen.
Falk.
Der etwanige Begriff waͤre hier unnuͤtz oder
gefaͤhrlich. Unnuͤtz, wenn er nicht genug; und
gefaͤhrlich, wenn er das geringſte zu viel ent-
hielte.
Ernſt.
Sonderbar! — Da alſo ſelbſt die Freymaͤu-
rer, welche das Geheimniß ihres Ordens wiſ-
ſen, es nicht woͤrtlich mittheilen koͤnnen, wie
breiten ſie denn gleichwohl ihren Orden aus?
[19]
denſelben Begriff bekommen, den ich dabey
habe.
Ernſt.
Wenn nicht vollkommen eben denſelben, doch
einen etwanigen.
Falk.
Der etwanige Begriff waͤre hier unnuͤtz oder
gefaͤhrlich. Unnuͤtz, wenn er nicht genug; und
gefaͤhrlich, wenn er das geringſte zu viel ent-
hielte.
Ernſt.
Sonderbar! — Da alſo ſelbſt die Freymaͤu-
rer, welche das Geheimniß ihres Ordens wiſ-
ſen, es nicht woͤrtlich mittheilen koͤnnen, wie
breiten ſie denn gleichwohl ihren Orden aus?
[19]
denſelben Begriff bekommen, den ich dabey
habe.
Ernſt.
Wenn nicht vollkommen eben denſelben, doch
einen etwanigen.
Falk.
Der etwanige Begriff waͤre hier unnuͤtz oder
gefaͤhrlich. Unnuͤtz, wenn er nicht genug; und
gefaͤhrlich, wenn er das geringſte zu viel ent-
hielte.
Ernſt.
Sonderbar! — Da alſo ſelbſt die Freymaͤu-
rer, welche das Geheimniß ihres Ordens wiſ-
ſen, es nicht woͤrtlich mittheilen koͤnnen, wie
breiten ſie denn gleichwohl ihren Orden aus?
20
[20]
Falk.
Durch Thaten. — Sie laſſen gute Maͤnner
und Juͤnglinge, die ſie ihres naͤhern Umgangs
wuͤrdigen, ihre Thaten vermuthen, errathen, —
ſehen, ſo weit ſie zu ſehen ſind; dieſe finden
Geſchmack daran, und thun aͤhnliche Thaten.
Ernſt.
Thaten? Thaten der Freymaͤurer? — Ich
kenne keine andere, als ihre Reden und Lieder,
die meiſtentheils ſchoͤner gedruckt, als gedacht
und geſagt ſind.
Falk.
Das haben ſie mit mehrern Reden und Lie-
dern gemein.
[20]
Falk.
Durch Thaten. — Sie laſſen gute Maͤnner
und Juͤnglinge, die ſie ihres naͤhern Umgangs
wuͤrdigen, ihre Thaten vermuthen, errathen, —
ſehen, ſo weit ſie zu ſehen ſind; dieſe finden
Geſchmack daran, und thun aͤhnliche Thaten.
Ernſt.
Thaten? Thaten der Freymaͤurer? — Ich
kenne keine andere, als ihre Reden und Lieder,
die meiſtentheils ſchoͤner gedruckt, als gedacht
und geſagt ſind.
Falk.
Das haben ſie mit mehrern Reden und Lie-
dern gemein.
[20]
Falk.
Durch Thaten. — Sie laſſen gute Maͤnner
und Juͤnglinge, die ſie ihres naͤhern Umgangs
wuͤrdigen, ihre Thaten vermuthen, errathen, —
ſehen, ſo weit ſie zu ſehen ſind; dieſe finden Ge-
ſchmack daran, und thun aͤhnliche Thaten.
Ernſt.
Thaten? Thaten der Freymaͤurer? — Ich
kenne keine andere, als ihre Reden und Lieder,
die meiſtentheils ſchoͤner gedruckt, als gedacht
und geſagt ſind.
Falk.
Das haben ſie mit mehrern Reden und Lie-
dern gemein.
21
[21]
Ernſt.
Oder ſoll ich das fuͤr ihre Thaten nehmen,
was ſie in dieſen Reden und Liedern von ſich
ruͤhmen?
Falk.
Wenn ſie es nicht blos von ſich ruͤhmen.
Ernſt.
Und was ruͤhmen ſie denn von ſich? — Lau-
ter Dinge, die man von jedem guten Men-
ſchen, von jedem rechtſchaffnen Buͤrger erwar-
tet. — Sie ſind ſo freundſchaftlich, ſo gut-
thaͤtig, ſo gehorſam, ſo voller Vaterlands
Liebe!
Falk.
Iſt denn das nichts?
[21]
Ernſt.
Oder ſoll ich das fuͤr ihre Thaten nehmen,
was ſie in dieſen Reden und Liedern von ſich
ruͤhmen?
Falk.
Wenn ſie es nicht blos von ſich ruͤhmen.
Ernſt.
Und was ruͤhmen ſie denn von ſich? — Lau-
ter Dinge, die man von jedem guten Men-
ſchen, von jedem rechtſchaffnen Buͤrger erwar-
tet. — Sie ſind ſo freundſchaftlich, ſo gut-
thaͤtig, ſo gehorſam, ſo voller Vaterlands
Liebe!
Falk.
Iſt denn das nichts?
[21]
Ernſt.
Oder ſoll ich das fuͤr ihre Thaten nehmen,
was ſie in dieſen Reden und Liedern von ſich
ruͤhmen?
Falk.
Wenn ſie es nicht blos von ſich ruͤhmen.
Ernſt.
Und was ruͤhmen ſie denn von ſich? — Lau-
ter Dinge, die man von jedem guten Men-
ſchen, von jedem rechtſchaffnen Buͤrger erwar-
tet. — Sie ſind ſo freundſchaftlich, ſo gut-
thaͤtig, ſo gehorſam, ſo voller Vaterlands
Liebe!
Falk.
Iſt denn das nichts?
22
[22]
Ernſt.
Nichts! — um ſich dadurch von andern
Menſchen auszuſondern. — Wer ſoll das nicht
ſeyn?
Falk.
Soll!
Ernſt.
Wer hat, dieſes zu ſeyn, nicht, auch auſ-
ſer der Freymaͤurerey, Antrieb und Gelegenheit
genug?
Falk.
Aber doch in ihr, und durch ſie, einen An-
trieb mehr.
[22]
Ernſt.
Nichts! — um ſich dadurch von andern
Menſchen auszuſondern. — Wer ſoll das nicht
ſeyn?
Falk.
Soll!
Ernſt.
Wer hat, dieſes zu ſeyn, nicht, auch auſ-
ſer der Freymaͤurerey, Antrieb und Gelegenheit
genug?
Falk.
Aber doch in ihr, und durch ſie, einen An-
trieb mehr.
[22]
Ernſt.
Nichts! — um ſich dadurch von andern
Menſchen auszuſondern. — Wer ſoll das nicht
ſeyn?
Falk.
Soll!
Ernſt.
Wer hat, dieſes zu ſeyn, nicht, auch auſ-
ſer der Freymaͤurerey, Antrieb und Gelegenheit
genug?
Falk.
Aber doch in ihr, und durch ſie, einen An-
trieb mehr.
23
[23]
Ernſt.
Sage mir nichts von der Menge der Antrie-
be. Lieber einem einzigen Antriebe alle moͤgli-
che intenſive Kraft gegeben! — Die Menge
ſolcher Antriebe iſt wie die Menge der Raͤder in
einer Maſchine. Je mehr Raͤder: deſto wandel-
barer.
Falk.
Ich kann dir das nicht widerſprechen.
Ernſt.
Und was fuͤr einen Antrieb mehr! — Der
alle andre1 Antriebe verkleinert, verdaͤchtig
macht! ſich ſelbſt fuͤr den ſtaͤrkſten und beſten
ausgiebt!
[23]
Ernſt.
Sage mir nichts von der Menge der Antrie-
be. Lieber einem einzigen Antriebe alle moͤgli-
che intenſive Kraft gegeben! — Die Menge
ſolcher Antriebe iſt wie die Menge der Raͤder in
einer Maſchine. Je mehr Raͤder: deſto wandel-
barer.
Falk.
Ich kann dir das nicht widerſprechen.
Ernſt.
Und was fuͤr einen Antrieb mehr! — Der
alle andre1 Antriebe verkleinert, verdaͤchtig
macht! ſich ſelbſt fuͤr den ſtaͤrkſten und beſten
ausgiebt!
[23]
Ernſt.
Sage mir nichts von der Menge der Antrie-
be. Lieber einem einzigen Antriebe alle moͤgli-
che intenſive Kraft gegeben! — Die Menge
ſolcher Antriebe iſt wie die Menge der Raͤder in
einer Maſchine. Je mehr Raͤder: deſto wandel-
barer.
Falk.
Ich kann dir das nicht widerſprechen.
Ernſt.
Und was fuͤr einen Antrieb mehr! — Der
alle andere1 Antriebe verkleinert, verdaͤchtig
macht! ſich ſelbſt fuͤr den ſtaͤrkſten und beſten
ausgiebt!
24
[24]
Falk.
Freund, ſey billig! — Hyperbel, Quidpro-
quo jener ſchalen Reden und Lieder! Probewerk!
Juͤngerarbeit!
Ernſt.
Das will ſagen: Bruder Redner iſt ein
Schwaͤtzer.
Falk
Das will nur ſagen: was Bruder Redner
an den Freymaͤurern preiſet, das ſind nun frey-
lich ihre Thaten eben nicht. Denn Bruder
Redner iſt wenigſtens kein Plauderer; und Tha-
ten ſprechen von ſelbſt.
Ernſt.
Ja, nun merke ich worauf du zieleſt. Wie
konnten ſie mir nicht gleich einfallen dieſe Tha-


ten
[24]
Falk.
Freund, ſey billig! — Hyperbel, Quidpro-
quo jener ſchalen Reden und Lieder! Probewerk!
Juͤngerarbeit!
Ernſt.
Das will ſagen: Bruder Redner iſt ein
Schwaͤtzer.
Falk
Das will nur ſagen: was Bruder Redner
an den Freymaͤurern preiſet, das ſind nun frey-
lich ihre Thaten eben nicht. Denn Bruder
Redner iſt wenigſtens kein Plauderer; und Tha-
ten ſprechen von ſelbſt.
Ernſt.
Ja, nun merke ich worauf du zieleſt. Wie
konnten ſie mir nicht gleich einfallen dieſe Tha-


ten
[24]
Falk.
Freund, ſey billig! — Hyperbel, Quidpro-
quo jener ſchalen Reden und Lieder! Probewerk!
Juͤngerarbeit!
Ernſt.
Das will ſagen: Bruder Redner iſt ein
Schwaͤtzer.
Falk
Das will nur ſagen: was Bruder Redner an
den Freymaͤurern preiſet, das ſind nun frey-
lich ihre Thaten eben nicht. Denn Bruder
Redner iſt wenigſtens kein Plauderer; und Tha-
ten ſprechen von ſelbſt.
Ernſt.
Ja, nun merke ich worauf du zieleſt. Wie
konnten ſie mir nicht gleich einfallen dieſe Tha-


ten
25
[25], dieſe ſprechende Thaten. Faſt moͤchte ich
ſie ſchreyende nennen. Nicht genug, daß ſich
die Freymaͤurer einer den andern unterſtuͤtzen,
auf das kraͤftigſte unterſtuͤtzen: denn das waͤre
nur die nothwendige Eigenſchaft einer jeden
Bande. Was thun ſie nicht fuͤr das geſammte
Publicum eines jeden Staats, deſſen Glieder
ſie ſind!
Falk.
Zum Exempel? — Damit ich doch hoͤre,
ob du auf der rechten Spur biſt.
Ernſt.
Z.E. die Freymaͤurer in Stockholm! — Ha-
ben ſie nicht ein groſſes Findelhaus errichtet?
[25], dieſe ſprechende Thaten. Faſt moͤchte ich
ſie ſchreyende nennen. Nicht genug, daß ſich
die Freymaͤurer einer den andern unterſtuͤtzen,
auf das kraͤftigſte unterſtuͤtzen: denn das waͤre
nur die nothwendige Eigenſchaft einer jeden
Bande. Was thun ſie nicht fuͤr das geſammte
Publicum eines jeden Staats, deſſen Glieder
ſie ſind!
Falk.
Zum Exempel? — Damit ich doch hoͤre,
ob du auf der rechten Spur biſt.
Ernſt.
Z.E. die Freymaͤurer in Stockholm! — Ha-
ben ſie nicht ein groſſes Findelhaus errichtet?
[25], dieſe ſprechende Thaten. Faſt moͤchte ich
ſie ſchreyende nennen. Nicht genug, daß ſich
die Freymaͤurer einer den andern unterſtuͤtzen,
auf das kraͤftigſte unterſtuͤtzen: denn das waͤre
nur die nothwendige Eigenſchaft einer jeden
Bande. Was thun ſie nicht fuͤr das geſammte
Publicum eines jeden Staats, deſſen Glieder
ſie ſind!
Falk.
Zum Exempel? — Damit ich doch hoͤre,
ob du auf der rechten Spur biſt.
Ernſt.
Z.E. die Freymaͤurer in Stockholm! — Ha-
ben ſie nicht ein groſſes Findelhaus errichtet?
26
[26]
Falk.
Wenn die Freymaͤurer in Stockholm ſich nur
auch bey einer andern Gelegenheit thaͤtig erwie-
ſen haben.
Ernſt.
Bey welcher andern?
Falk.
Bey ſonſt andern; meyne ich.
Ernſt.
Und die Freymaͤurer in Dresden! die arme
junge Maͤdchen mit Arbeit beſchaͤftigen, ſie kloͤp-
peln und ſtuͤcken laſſen, — damit das Findel-
haus nur kleiner ſeyn duͤrffe1.
[26]
Falk.
Wenn die Freymaͤurer in Stockholm ſich nur
auch bey einer andern Gelegenheit thaͤtig erwie-
ſen haben.
Ernſt.
Bey welcher andern?
Falk.
Bey ſonſt andern; meyne ich.
Ernſt.
Und die Freymaͤurer in Dresden! die arme
junge Maͤdchen mit Arbeit beſchaͤftigen, ſie kloͤp-
peln und ſtuͤcken laſſen, — damit das Findel-
haus nur kleiner ſeyn duͤrfe1.
[26]
Falk.
Wenn die Freymaͤurer in Stockholm ſich nur
auch bey einer andern Gelegenheit thaͤtig erwie-
ſen haben.
Ernſt.
Bey welcher andern?
Falk.
Bey ſonſt andern; meyne ich.
Ernſt.
Und die Freymaͤurer in Dresden! die arme
junge Maͤdchen mit Arbeit beſchaͤftigen, ſie kloͤp-
peln und ſtuͤcken laſſen , — damit das Findel-
haus nur kleiner ſeyn duͤrffe1.
27
[27]
Falk.
Ernſt! Du weißt wohl, wenn ich dich deines
Nahmens1 erinnere.
Ernſt.
Ohne alle Gloſſen dann. — Und die Frey-
maͤurer in Braunſchweig! die arme faͤhige Kna-
ben im Zeichnen unterrichten laſſen.
Falk.
Warum nicht?
Ernſt.
Und die Freymaͤurer in Berlin! die das Ba-
ſedowſche Philantropin unterſtuͤtzen.
[27]
Falk.
Ernſt! Du weißt wohl, wenn ich dich deines
Namens1 erinnere.
Ernſt.
Ohne alle Gloſſen dann. — Und die Frey-
maͤurer in Braunſchweig! die arme faͤhige Kna-
ben im Zeichnen unterrichten laſſen.
Falk.
Warum nicht?
Ernſt.
Und die Freymaͤurer in Berlin! die das Ba-
ſedowſche Philantropin unterſtuͤtzen.
[27]
Falk.
Ernſt! Du weißt wohl, wenn ich dich deines
Nahmens1 erinnere.
Ernſt.
Ohne alle Gloſſen dann. — Und die Frey-
maͤurer in Braunſchweig! die arme faͤhige Kna-
ben im Zeichnen unterrichten laſſen.
Falk.
Warum nicht?
Ernſt.
Und die Freymaͤurer in Berlin! die das Ba-
ſedowſche Philantropin unterſtuͤtzen.
28
[28]
Falk.
Was ſagſt du? — Die Freymaͤurer? Das
Philantropin? unterſtuͤtzen? — Wer hat dir
das aufgebunden?
Ernſt.
Die Zeitung hat es auspoſaunet.
Falk.
Die Zeitung! — Da muͤßte ich Baſedows
eigenhaͤndige Quittung ſehen. Und muͤßte ge-
wiß ſeyn, daß die Quittung nicht an Freymaͤu-
rer in Berlin, ſondern an die Freymaͤurer ge-
richtet waͤre.
Ernſt.
Was iſt das? — Billigeſt du denn Baſe-
dows Inſtitut nicht?
[28]
Falk.
Was ſagſt du? — Die Freymaͤurer? Das
Philantropin? unterſtuͤtzen? — Wer hat dir
das aufgebunden?
Ernſt.
Die Zeitung hat es auspoſaunet.
Falk.
Die Zeitung! — Da muͤßte ich Baſedows
eigenhaͤndige Quittung ſehen. Und muͤßte ge-
wiß ſeyn, daß die Quittung nicht an Freymaͤu-
rer in Berlin, ſondern an die Freymaͤurer ge-
richtet waͤre.
Ernſt.
Was iſt das? — Billigeſt du denn Baſe-
dows Inſtitut nicht?
[28]
Falk.
Was ſagſt du? — Die Freymaͤurer? Das
Philantropin? unterſtuͤtzen? — Wer hat dir
das aufgebunden?
Ernſt.
Die Zeitung hat es auspoſaunet.
Falk.
Die Zeitung! — Da muͤßte ich Baſedows
eigenhaͤndige Quittung ſehen. Und muͤßte ge-
wiß ſeyn, daß die Quittung nicht an Freymaͤu-
rer in Berlin, ſondern an die Freymaͤurer ge-
richtet waͤre.
Ernſt.
Was iſt das? — Billigeſt du denn Baſe-
dows Inſtitut nicht?
29
[29]
Falk.
Ich nicht? Wer kann es mehr billigen?
Ernſt.
So wirſt du ihm ja dieſe Unterſtuͤtzung nicht
mißgoͤnnen?
Falk.
Mißgoͤnnen? — Wer kann ihm alles Gute
mehr goͤnnen, als Ich?
Ernſt.
Nun dann! — Du wirſt mir unbegreiflich.
Falk.
Ich glaube wohl. Dazu habe ich Unrecht. —
Denn auch die Freymaͤurer koͤnnen etwas thun,
was ſie nicht als Freymaͤurer thun.
[29]
Falk.
Ich nicht? Wer kann es mehr billigen?
Ernſt.
So wirſt du ihm ja dieſe Unterſtuͤtzung nicht
mißgoͤnnen?
Falk.
Mißgoͤnnen? — Wer kann ihm alles Gute
mehr goͤnnen, als Ich?
Ernſt.
Nun dann! — Du wirſt mir unbegreiflich.
Falk.
Ich glaube wohl. Dazu habe ich Unrecht. —
Denn auch die Freymaͤurer koͤnnen etwas thun,
was ſie nicht als Freymaͤurer thun.
[29]
Falk.
Ich nicht? Wer kann es mehr billigen?
Ernſt.
So wirſt du ihm ja dieſe Unterſtuͤtzung nicht
mißgoͤnnen?
Falk.
Mißgoͤnnen? — Wer kann ihm alles Gute
mehr goͤnnen, als Ich?
Ernſt.
Nun dann! — Du wirſt mir unbegreiflich.
Falk.
Ich glaube wohl. Dazu habe ich Unrecht. —
Denn auch die Freymaͤurer koͤnnen etwas thun,
was ſie nicht als Freymaͤurer thun.
30
[30]
Ernſt.
Und ſoll das von allen auch ihren uͤbrigen
guten Thaten gelten?
Falk.
Vielleicht! — Vielleicht, daß alle die guten
Thaten, die du mir da genannt haſt, um mich
eines ſcholaſtiſchen Ausdruckes, der Kuͤrze we-
gen zu bedienen, nur ihre Thaten ‚ad extra‘ ſind.
Ernſt.
Wie meynſt du das?
Falk.
Nur ihre Thaten, die dem Volke in die
Augen fallen; — nur Thaten, die ſie blos des-
wegen thun, damit ſie dem Volk in die Augen
fallen ſollen.
[30]
Ernſt.
Und ſoll das von allen auch ihren uͤbrigen
guten Thaten gelten?
Falk.
Vielleicht! — Vielleicht, daß alle die guten
Thaten, die du mir da genannt haſt, um mich
eines ſcholaſtiſchen Ausdruckes, der Kuͤrze we-
gen zu bedienen, nur ihre Thaten ‚ad extra‘ ſind.
Ernſt.
Wie meynſt du das?
Falk.
Nur ihre Thaten, die dem Volke in die
Augen fallen; — nur Thaten, die ſie blos des-
wegen thun, damit ſie dem Volk in die Augen
fallen ſollen.
[30]
Ernſt.
Und ſoll das von allen auch ihren uͤbrigen
guten Thaten gelten?
Falk.
Vielleicht! — Vielleicht, daß alle die guten
Thaten, die du mir da genannt haſt, um mich
eines ſcholaſtiſchen Ausdruckes, der Kuͤrze we-
gen zu bedienen, nur ihre Thaten ‚ad extra‘ ſind.
Ernſt.
Wie meynſt du das?
Falk.
Nur ihre Thaten, die dem Volke in die
Augen fallen; — nur Thaten, die ſie blos des-
wegen thun, damit ſie dem Volk in die Augen
fallen ſollen.
31
[31]
Ernſt.
Um Achtung und Duldung zu genieſſen?
Falk.
Koͤnnte wohl ſeyn.
Ernſt.
Aber ihre wahre Thaten denn? — Du
ſchweigſt?
Falk.
Wenn ich dir nicht ſchon geantwortet haͤt-
te? — Ihre wahre Thaten ſind ihr Geheimniß.
Ernſt.
Ha! ha! Alſo auch nicht erklaͤrbar durch
Worte?
[31]
Ernſt.
Um Achtung und Duldung zu genieſſen?
Falk.
Koͤnnte wohl ſeyn.
Ernſt.
Aber ihre wahre Thaten denn? — Du
ſchweigſt?
Falk.
Wenn ich dir nicht ſchon geantwortet haͤt-
te? — Ihre wahre Thaten ſind ihr Geheimniß.
Ernſt.
Ha! ha! Alſo auch nicht erklaͤrbar durch
Worte?
[31]
Ernſt.
Um Achtung und Duldung zu genieſſen?
Falk.
Koͤnnte wohl ſeyn.
Ernſt.
Aber ihre wahre Thaten denn? — Du
ſchweigſt?
Falk.
Wenn ich dir nicht ſchon geantwortet haͤt-
te? — Ihre wahre Thaten ſind ihr Geheimniß.
Ernſt.
Ha! ha! Alſo auch nicht erklaͤrbar durch
Worte?
32
[32]
Falk.
Nicht wohl! — Nur ſo viel kann und darf
ich dir ſagen: die wahren Thaten der Freymaͤu-
rer ſind ſo groß, ſo weit ausſehend, daß ganze
Jahrhunderte vergehen koͤnnen, ehe man ſagen
kann: das haben ſie gethan! Gleichwohl haben
ſie alles Gute gethan, was noch in der Welt
iſt, — merke wohl: in der Welt! — Und
fahren fort, an alle dem Guten zu arbeiten,
was noch in der Welt werden wird, — merke
wohl, in der Welt.
Ernſt.
O geh! Du haſt mich zum beſten.
Falk.
Wahrlich nicht. — Aber ſieh! dort fliegt
ein Schmetterling, den ich haben muß. Es iſt
[32]
Falk.
Nicht wohl! — Nur ſo viel kann und darf
ich dir ſagen: die wahren Thaten der Freymaͤu-
rer ſind ſo groß, ſo weit ausſehend, daß ganze
Jahrhunderte vergehen koͤnnen, ehe man ſagen
kann: das haben ſie gethan! Gleichwohl haben
ſie alles Gute gethan, was noch in der Welt
iſt, — merke wohl: in der Welt! — Und
fahren fort, an alle dem Guten zu arbeiten,
was noch in der Welt werden wird, — merke
wohl, in der Welt.
Ernſt.
O geh! Du haſt mich zum beſten.
Falk.
Wahrlich nicht. — Aber ſieh! dort fliegt
ein Schmetterling, den ich haben muß. Es iſt
[32]
Falk.
Nicht wohl! — Nur ſo viel kann und darf
ich dir ſagen: die wahren Thaten der Freymaͤu-
rer ſind ſo groß, ſo weit ausſehend, daß ganze
Jahrhunderte vergehen koͤnnen, ehe man ſagen
kann: das haben ſie gethan! Gleichwohl haben
ſie alles Gute gethan, was noch in der Welt
iſt, — merke wohl: in der Welt! — Und
fahren fort, an alle dem Guten zu arbeiten,
was noch in der Welt werden wird, — merke
wohl, in der Welt.
Ernſt.
O geh! Du haſt mich zum beſten.
Falk.
Wahrlich nicht. — Aber ſieh! dort fliegt
ein Schmetterling, den ich haben muß. Es iſt
33
[33]
der von der Wolfmilchsraupe. — Geſchwind
ſage ich dir nur noch: die wahren Thaten der
Freymaͤurer zielen dahin, um groͤßten Theils
alles, was man gemeiniglich gute Thaten zu
nennen pflegt, entbehrlich zu machen.
Ernſt.
Und ſind doch auch gute Thaten?
Falk.
Es kann keine beſſere geben. — Denke
einen Augenblick daruͤber nach. Ich bin gleich
wieder bey dir.
Ernſt.
Gute Thaten, welche darauf zielen, gute
Thaten entbehrlich zu machen? — Das iſt ein
[33]
der von der Wolfmilchsraupe. — Geſchwind
ſage ich dir nur noch: die wahren Thaten der
Freymaͤurer zielen dahin, um groͤßten Theils
alles, was man gemeiniglich gute Thaten zu
nennen pflegt, entbehrlich zu machen.
Ernſt.
Und ſind doch auch gute Thaten?
Falk.
Es kann keine beſſere geben. — Denke
einen Augenblick daruͤber nach. Ich bin gleich
wieder bey dir.
Ernſt.
Gute Thaten, welche darauf zielen, gute
Thaten entbehrlich zu machen? — Das iſt ein
[33]
der von der Wolfmilchsraupe. — Geſchwind
ſage ich dir nur noch: die wahren Thaten der
Freymaͤurer zielen dahin, um groͤßten Theils
alles, was man gemeiniglich gute Thaten zu
nennen pflegt, entbehrlich zu machen.
Ernſt.
Und ſind doch auch gute Thaten?
Falk.
Es kann keine beſſere geben. — Denke
einen Augenblick daruͤber nach. Ich bin gleich
wieder bey dir.
Ernſt.
Gute Thaten, welche darauf zielen, gute
Thaten entbehrlich zu machen? — Das iſt ein
34
[34]
Raͤthſel. Und uͤber ein Raͤthſel denke ich nicht
nach. — Lieber lege ich mich indeß unter den
Baum, und ſehe den Ameiſen zu.
[34]
Raͤthſel. Und uͤber ein Raͤthſel denke ich nicht
nach. — Lieber lege ich mich indeß unter den
Baum, und ſehe den Ameiſen zu.
[34]
Raͤthſel. Und uͤber ein Raͤthſel denke ich nicht
nach. — Lieber lege ich mich indeß unter den
Baum, und ſehe den Ameiſen zu.
35
[35]
Zweytes Geſpraͤch.

Ernſt.
Nun? wo bleibſt du denn? Und haſt den
Schmetterling doch nicht?
Falk.
Er lockte mich von Strauch zu Strauch, bis
an den Bach. — Auf einmal war er heruͤber.
Ernſt.
Ja, ja. Es gibt ſolche Locker!
Falk.
Haſt du nachgedacht?
[35]
Zweytes Geſpraͤch.

Ernſt.
Nun? wo bleibſt du denn? Und haſt den
Schmetterling doch nicht?
Falk.
Er lockte mich von Strauch zu Strauch, bis
an den Bach. — Auf einmal war er heruͤber.
Ernſt.
Ja, ja. Es gibt ſolche Locker!
Falk.
Haſt du nachgedacht?
[35]
Zweytes Geſpraͤch.

Ernſt.
Nun? wo bleibſt du denn? Und haſt den
Schmetterling doch nicht?
Falk.
Er lockte mich von Strauch zu Strauch, bis
an den Bach. — Auf einmal war er heruͤber.
Ernſt.
Ja, ja. Es gibt ſolche Locker!
Falk.
Haſt du nachgedacht?
36
[36]
Ernſt.
Ueber was? Ueber dein Raͤthſel? — Ich
werde ihn auch nicht fangen, den ſchoͤnen
Schmetterling! Darum ſoll er mir aber auch
weiter keine Muͤhe machen. — Einmal von der
Freymaͤurerey mit dir geſprochen, und nie wie-
der. Denn ich ſehe ja wohl; du biſt, wie ſie
alle.
Falk.
Wie ſie alle? Das ſagen dieſe alle nicht.
Ernſt.
Nicht? So gibt es ja wohl auch Kaͤtzer un-
ter den Freymaͤurern? Und du waͤreſt einer. —
Doch alle Kaͤtzer haben mit den Rechtglaͤubigen
immer noch etwas gemein. Und davon ſprach
ich.
[36]
Ernſt.
Ueber was? Ueber dein Raͤthſel? — Ich
werde ihn auch nicht fangen, den ſchoͤnen
Schmetterling! Darum ſoll er mir aber auch
weiter keine Muͤhe machen. — Einmal von der
Freymaͤurerey mit dir geſprochen, und nie wie-
der. Denn ich ſehe ja wohl; du biſt, wie
ſie alle.
Falk.
Wie ſie alle? Das ſagen dieſe alle nicht.
Ernſt.
Nicht? So gibt es ja wohl auch Kaͤtzer un-
ter den Freymaͤurern? Und du waͤreſt einer. —
Doch alle Kaͤtzer haben mit den Rechtglaͤubi-
gen immer noch etwas gemein. Und davon
ſprach ich.
[36]
Ernſt.
Ueber was? Ueber dein Raͤthſel? — Ich
werde ihn auch nicht fangen, den ſchoͤnen
Schmetterling! Darum ſoll er mir aber auch
weiter keine Muͤhe machen. — Einmal von der
Freymaͤurerey mit dir geſprochen, und nie wie-
der. Denn ich ſehe ja wohl; du biſt, wie ſie
alle.
Falk.
Wie ſie alle? Das ſagen dieſe alle nicht.
Ernſt.
Nicht? So gibt es ja wohl auch Kaͤtzer un-
ter den Freymaͤurern? Und du waͤreſt einer. —
Doch alle Kaͤtzer haben mit den Rechtglaͤubigen
immer noch etwas gemein. Und davon ſprach
ich.
37
[37]
Falk.
Wovon ſprachſt du?
Ernſt.
Rechtglaͤubige oder Kaͤtzeriſche Freymaͤurer —
ſie alle ſpielen mit Worten, und laſſen ſich fra-
gen, und antworten ohne zu antworten.
Falk.
Meynſt du? — Nun wohl, ſo laß uns von
etwas andern reden. Denn einmal haſt du mich
aus dem behaͤglichen Zuſtande des ſtummen
Staunens geriſſen —
Ernſt.
Nichts iſt leichter, als dich in dieſen Zuſtand
wieder zu verſetzen — Laß dich nur hier bey
mir nieder, und ſieh!
[37]
Falk.
Wovon ſprachſt du?
Ernſt.
Rechtglaͤubige oder Kaͤtzeriſche Freymaͤurer —
ſie alle ſpielen mit Worten, und laſſen ſich fra-
gen, und antworten ohne zu antworten.
Falk.
Meynſt du? — Nun wohl, ſo laß uns von
etwas andern reden. Denn einmal haſt du mich
aus dem behaͤglichen Zuſtande des ſtummen
Staunens geriſſen —
Ernſt.
Nichts iſt leichter, als dich in dieſen Zuſtand
wieder zu verſetzen — Laß dich nur hier bey
mir nieder, und ſieh!

[37]
Falk.
Wovon ſprachſt du?
Ernſt.
Rechtglaͤubige oder Kaͤtzeriſche Freymaͤurer —
ſie alle ſpielen mit Worten, und laſſen ſich fra-
gen, und antworten ohne zu antworten.
Falk.
Meynſt du? — Nun wohl, ſo laß uns von
etwas andern reden. Denn einmal haſt du mich
aus dem behaͤglichen Zuſtande des ſtummen
Staunens geriſſen —
Ernſt.
Nichts iſt leichter, als dich in dieſen Zuſtand
wieder zu verſetzen — Laß dich nur hier bey
mir nieder, und ſieh!
38
[38]
Falk.
Was denn?
Ernſt.
Das Leben und Weben auf und in und um
dieſen Ameiſenhauffen. Welche Geſchaͤftigkeit,
und doch welche Ordnung! Alles traͤgt und
ſchleppt und ſchiebt; und keines iſt dem andern
hinderlich. Sieh nur! Sie1 helffen einander
ſogar.
Falk.
Die Ameiſen leben in Geſellſchaft, wie die
Bienen.
Ernſt.
Und in einer noch wunderbarern Geſellſchaft
als die Bienen. Denn ſie haben niemand unter
ſich, der ſie zuſammen haͤlt2 und regieret3.
[38]
Falk.
Was denn?
Ernſt.
Das Leben und Weben auf und in und um
dieſen Ameiſenhauffen. Welche Geſchaͤftigkeit,
und doch welche Ordnung! Alles traͤgt und
ſchleppt und ſchiebt; und keines iſt dem andern
hinderlich. Sieh nur! Sie1 helffen einander
ſogar.
Falk.
Die Ameiſen leben in Geſellſchaft, wie die
Bienen.
Ernſt.
Und in einer noch wunderbarern Geſellſchaft
als die Bienen. Denn ſie haben niemand unter
ſich, der ſie zuſammen haͤlt2 und regiert3.
[38]
Falk.
Was denn?
Ernſt.
Das Leben und Weben auf und in und um
dieſen Ameiſenhauffen. Welche Geſchaͤftigkeit,
und doch welche Ordnung! Alles traͤgt und
ſchleppt und ſchiebt; und keines iſt dem andern
hinderlich. Sieh nur! Sieh1 helffen einander
ſogar.
Falk.
Die Ameiſen leben in Geſellſchaft, wie die
Bienen.
Ernſt.
Und in einer noch wunderbarern Geſellſchaft
als die Bienen. Denn ſie haben niemand unter
ſich, der ſie zuſammenhaͤlt2 und regieret3.
39
[39]
Falk.
Ordnung muß alſo doch auch ohne Regierung
beſtehen koͤnnen.
Ernſt.
Wenn jedes einzelne ſich ſelbſt zu regieren
weiß: warum nicht?
Falk.
Ob es wohl auch einmal mit den Menſchen
dahin kommen wird?
Ernſt.
Wohl ſchwerlich!
Falk.
Schade!
[39]
Falk.
Ordnung muß alſo doch auch ohne Regierung
beſtehen koͤnnen.
Ernſt.
Wenn jedes einzelne ſich ſelbſt zu regieren
weiß: warum nicht?
Falk.
Ob es wohl auch einmal mit den Menſchen
dahin kommen wird?
Ernſt.
Wohl ſchwerlich!
Falk.
Schade!
[39]
Falk.
Ordnung muß alſo doch auch ohne Regierung
beſtehen koͤnnen.
Ernſt.
Wenn jedes einzelne ſich ſelbſt zu regieren
weiß: warum nicht?
Falk.
Ob es wohl auch einmal mit den Menſchen
dahin kommen wird?
Ernſt.
Wohl ſchwerlich!
Falk.
Schade!
40
[40]
Ernſt.
Ja wohl!
Falk.
Steh auf, und laß uns gehen. Denn ſie
werden dich bekriechen die Ameiſen; und eben
faͤllt auch mir etwas bey, was ich bey dieſer
Gelegenheit dich doch fragen muß. — Ich ken-
ne deine Geſinnungen daruͤber noch gar nicht.
Ernſt.
Woruͤber?
Falk.
Ueber die buͤrgerliche Geſellſchaft des Men-
ſchen uͤberhaupt. — Wofuͤr haͤlſt du ſie?
Ernſt.
Fuͤr etwas ſehr Gutes.
[40]
Ernſt.
Ja wohl!
Falk.
Steh auf, und laß uns gehen. Denn ſie
werden dich bekriechen die Ameiſen; und eben
faͤllt auch mir etwas bey, was ich bey dieſer
Gelegenheit dich doch fragen muß. — Ich kenne
deine Geſinnungen daruͤber noch gar nicht.
Ernſt.
Woruͤber?
Falk.
Ueber die buͤrgerliche Geſellſchaft des Men-
ſchen uͤberhaupt. — Wofuͤr haͤlſt du ſie?
Ernſt.
Fuͤr etwas ſehr Gutes.
[40]
Ernſt.
Ja wohl!
Falk.
Steh auf, und laß uns gehen. Denn ſie
werden dich bekriechen die Ameiſen; und eben
faͤllt auch mir etwas bey, was ich bey dieſer
Gelegenheit dich doch fragen muß. — Ich ken-
ne deine Geſinnungen daruͤber noch gar nicht.
Ernſt.
Woruͤber?
Falk.
Ueber die buͤrgerliche Geſellſchaft des Men-
ſchen uͤberhaupt. — Wofuͤr haͤlſt du ſie?
Ernſt.
Fuͤr etwas ſehr Gutes.
41
[41]
Falk.
Ohnſtreitig. — Aber haͤlſt du ſie fuͤr Zweck,
oder fuͤr Mittel?
Ernſt.
Ich verſtehe dich nicht.
Falk.
Glaubſt du, daß die Menſchen fuͤr die Staa-
ten erſchaffen werden? Oder daß die Staaten
fuͤr die Menſchen ſind?
Ernſt.
Jenes ſcheinen einige behaupten zu wollen.
Dieſes aber mag wohl das Wahrere ſeyn.
Falk.
So denke ich auch. — Die Staaten verei-
nigen die Menſchen, damit durch dieſe und in
[41]
Falk.
Ohnſtreitig. — Aber haͤlſt du ſie fuͤr Zweck,
oder fuͤr Mittel?
Ernſt.
Ich verſtehe dich nicht.
Falk.
Glaubſt du, daß die Menſchen fuͤr die Staa-
ten erſchaffen werden? Oder daß die Staaten
fuͤr die Menſchen ſind?
Ernſt.
Jenes ſcheinen einige behaupten zu wollen.
Dieſes aber mag wohl das Wahrere ſeyn.
Falk.
So denke ich auch. — Die Staaten verei-
nigen die Menſchen, damit durch dieſe und in
[41]
Falk.
Ohnſtreitig. — Aber haͤlſt du ſie fuͤr Zweck,
oder fuͤr Mittel?
Ernſt.
Ich verſtehe dich nicht.
Falk.
Glaubſt du, daß die Menſchen fuͤr die Staa-
ten erſchaffen werden? Oder daß die Staaten fuͤr
die Menſchen ſind?
Ernſt.
Jenes ſcheinen einige behaupten zu wollen.
Dieſes aber mag wohl das Wahrere ſeyn.
Falk.
So denke ich auch. — Die Staaten verei-
nigen die Menſchen, damit durch dieſe und in
42
[42]
dieſer Vereinigung jeder einzelne Menſch ſeinen
Theil von Gluͤckſeligkeit deſto beſſer und ſichrer
genieſſen koͤnne. — Das Totale der einzeln
Gluͤckſeligkeiten aller Glieder, iſt die Gluͤckſelig-
keit des Staats. Auſſer dieſer giebt es gar kei-
ne. Jede andere1 Gluͤckſeligkeit des Staats, bey
welcher auch noch ſo wenig einzelne Glieder lei-
den, und leiden muͤſſen, iſt Bemaͤntelung der
Tyranney. Anders nichts!
Ernſt.
Ich moͤchte das nicht ſo laut ſagen.
Falk.
Warum nicht?
Ernſt.
Eine Wahrheit, die jeder nach ſeiner eignen
Lage beurtheilet, kann leicht gemißbraucht wer-
den.
[42]
dieſer Vereinigung jeder einzelne Menſch ſeinen
Theil von Gluͤckſeligkeit deſto beſſer und ſichrer
genieſſen koͤnne. — Das Totale der einzeln
Gluͤckſeligkeiten aller Glieder, iſt die Gluͤckſelig-
keit des Staats. Auſſer dieſer giebt es gar kei-
ne. Jede andere1 Gluͤckſeligkeit des Staats, bey
welcher auch noch ſo wenig einzelne Glieder lei-
den, und leiden muͤſſen, iſt Bemaͤntelung der
Tyranney. Anders nichts!
Ernſt.
Ich moͤchte das nicht ſo laut ſagen.
Falk.
Warum nicht?
Ernſt.
Eine Wahrheit, die jeder nach ſeiner eignen
Lage beurtheilet, kann leicht gemißbraucht wer-
den.
[42]
dieſer Vereinigung jeder einzelne Menſch ſeinen
Theil von Gluͤckſeligkeit deſto beſſer und ſichrer
genieſſen koͤnne. — Das Totale der einzeln
Gluͤckſeligkeiten aller Glieder, iſt die Gluͤckſelig-
keit des Staats. Auſſer dieſer giebt es gar kei-
ne. Jede andre1 Gluͤckſeligkeit des Staats, bey
welcher auch noch ſo wenig einzelne Glieder lei-
den, und leiden muͤſſen, iſt Bemaͤntelung der
Tyranney. Anders nichts!
Ernſt.
Ich moͤchte das nicht ſo laut ſagen.
Falk.
Warum nicht?
Ernſt.
Eine Wahrheit, die jeder nach ſeiner eignen
Lage beurtheilet, kann leicht gemißbraucht wer-
den.
43
[43]
Falk.
Weißt du, Freund, daß du ſchon ein halber
Freymaͤurer biſt?
Ernſt.
Ich?
Falk.
Du. Denn du erkennſt ja ſchon Wahrhei-
ten, die man beſſer verſchweigt.
Ernſt.
Aber doch ſagen koͤnnte.
Falk.
Der Weiſe kann nicht ſagen, was er beſſer
verſchweigt.
[43]
Falk.
Weißt du, Freund, daß du ſchon ein halber
Freymaͤurer biſt?
Ernſt.
Ich?
Falk.
Du. Denn du erkennſt ja ſchon Wahrhei-
ten, die man beſſer verſchweigt.
Ernſt.
Aber doch ſagen koͤnnte.
Falk.
Der Weiſe kann nicht ſagen, was er beſſer
verſchweigt.
[43]
Falk.
Weißt du, Freund, daß du ſchon ein halber
Freymaͤurer biſt?
Ernſt.
Ich?
Falk.
Du. Denn du erkennſt ja ſchon Wahrhei-
ten, die man beſſer verſchweigt.
Ernſt.
Aber doch ſagen koͤnnte.
Falk.
Der Weiſe kann nicht ſagen, was er beſſer
verſchweigt.
44
[44]
Ernſt.
Nun, wie du willſt! — Laß uns auf die
Freymaͤurer nicht wieder zuruͤck kommen. Ich
mag ja von ihnen weiter nichts wiſſen.
Falk.
Verzeih! — Du ſiehſt wenigſtens meine Be-
reitwilligkeit, dir mehr von ihnen zu ſagen.
Ernſt.
Du ſpotteſt. — — Gut! das buͤrgerliche
Leben des Menſchen, alle Staatsverfaſſungen
ſind nichts als Mittel zur menſchlichen Gluͤckſe-
ligkeit. Was weiter?
Falk.
Nichts als Mittel! Und Mittel menſchlicher
Erfindung; ob ich gleich nicht leugnen will, daß
[44]
Ernſt.
Nun, wie du willſt! — Laß uns auf die
Freymaͤurer nicht wieder zuruͤck kommen. Ich
mag ja von ihnen weiter nichts wiſſen.
Falk.
Verzeih! — Du ſiehſt wenigſtens meine Be-
reitwilligkeit, dir mehr von ihnen zu ſagen.
Ernſt.
Du ſpotteſt. — — Gut! das buͤrgerliche
Leben des Menſchen, alle Staatsverfaſſungen
ſind nichts als Mittel zur menſchlichen Gluͤckſe-
ligkeit. Was weiter?
Falk.
Nichts als Mittel! Und Mittel menſchlicher
Erfindung; ob ich gleich nicht leugnen will, daß
[44]
Ernſt.
Nun, wie du willſt! — Laß uns auf die
Freymaͤurer nicht wieder zuruͤck kommen. Ich
mag ja von ihnen weiter nichts wiſſen.
Falk.
Verzeih! — Du ſiehſt wenigſtens meine Be-
reitwilligkeit, dir mehr von ihnen zu ſagen.
Ernſt.
Du ſpotteſt. — — Gut! das buͤrgerliche
Leben des Menſchen, alle Staatsverfaſſungen
ſind nichts als Mittel zur menſchlichen Gluͤck-
ſeligkeit. Was weiter?
Falk.
Nichts als Mittel! und Mittel menſchlicher
Erfindung; ob ich gleich nicht leugnen will, daß
45
[45]
die Natur alles ſo eingerichtet, daß der Menſch
ſehr bald auf dieſe Erfindung gerathen muͤſſen.
Ernſt.
Dieſes hat denn auch wohl gemacht, daß
einige die buͤrgerliche Geſellſchaft fuͤr Zweck der
Natur gehalten. Weil alles, unſere Leidenſchaf-
ten und unſere Beduͤrfniſſe, alles darauf fuͤhre,
ſey ſie folglich das Letzte, worauf die Natur ge-
he. So ſchloſſen ſie. Als ob die Natur nicht
auch die Mittel zweckmaͤſſig hervorbringen muͤſ-
ſen! Als ob die Natur mehr die Gluͤckſeligkeit
eines abgezogenen Begriffs — wie Staat, Va-
terland und dergleichen ſind — als die Gluͤckſe-
ligkeit jedes wirklichen einzeln Weſens zur Ab-
ſicht gehabt haͤtte!
Falk.
Sehr gut! Du koͤmmſt mir auf dem rechten
Wege entgegen. Denn nun ſage mir; wenn die
[45]
die Natur alles ſo eingerichtet, daß der Menſch
ſehr bald auf dieſe Erfindung gerathen muͤſſen.
Ernſt.
Dieſes hat denn auch wohl gemacht, daß
einige die buͤrgerliche Geſellſchaft fuͤr Zweck der
Natur gehalten. Weil alles, unſere Leidenſchaf-
ten und unſere Beduͤrfniſſe, alles darauf fuͤhre,
ſey ſie folglich das Letzte, worauf die Natur ge-
he. So ſchloſſen ſie. Als ob die Natur nicht
auch die Mittel zweckmaͤſſig hervorbringen muͤſ-
ſen! Als ob die Natur mehr die Gluͤckſeligkeit
eines abgezogenen Begriffs — wie Staat, Va-
terland und dergleichen ſind — als die Gluͤckſe-
ligkeit jedes wirklichen einzeln Weſens zur Ab-ſicht gehabt haͤtte!
Falk.
Sehr gut! Du koͤmmſt mir auf dem rechten
Wege entgegen. Denn nun ſage mir; wenn die
[45]
die Natur alles ſo eingerichtet, daß der Menſch
ſehr bald auf dieſe Erfindung gerathen muͤſſen.
Ernſt.
Dieſes hat denn auch wohl gemacht, daß
einige die buͤrgerliche Geſellſchaft fuͤr Zweck der
Natur gehalten. Weil alles, unſere Leidenſchaf-
ten und unſere Beduͤrfniſſe, alles darauf fuͤhre,
ſey ſie folglich das Letzte, worauf die Natur ge-
he. So ſchloſſen ſie. Als ob die Natur nicht
auch die Mittel zweckmaͤſſig hervorbringen muͤſ-
ſen! Als ob die Natur mehr die Gluͤckſeligkeit
eines abgezogenen Begriffs — wie Staat, Va-
terland und dergleichen ſind — als die Gluͤckſe-
ligkeit jedes wirklichen einzeln Weſens zur Ab-
ſicht gehabt haͤtte!
Falk.
Sehr gut! du koͤmmſt mir auf dem rechten
Wege entgegen. Denn nun ſage mir; wenn die
46
[46]
Staatsverfaſſungen Mittel, Mittel menſchlicher
Erfindungen ſind: ſollten ſie allein von dem
Schickſale menſchlicher Mittel ausgenommen
ſeyn?
Ernſt.
Was nennſt du Schickſale menſchlicher Mit-
tel?
Falk.
Das, was unzertrennlich mit menſchlichen
Mitteln verbunden iſt; was ſie von goͤttlichen
unfehlbaren Mitteln unterſcheidet.
Ernſt.
Was iſt das?
Falk.
Daß ſie nicht unfehlbar ſind. Daß ſie ihrer
Abſicht nicht allein oͤfters nicht entſprechen, ſon-


dern
[46]
Staatsverfaſſungen Mittel, Mittel menſchlicher
Erfindungen ſind: ſollten ſie allein von dem
Schickſale menſchlicher Mittel ausgenommen
ſeyn?
Ernſt.
Was nennſt du Schickſale menſchlicher Mit-
tel?
Falk.
Das, was unzertrennlich mit menſchlichen
Mitteln verbunden iſt; was ſie von goͤttlichen
unfehlbaren Mitteln unterſcheidet.
Ernſt.
Was iſt das?
Falk.
Daß ſie nicht unfehlbar ſind. Daß ſie ihrer
Abſicht nicht allein oͤfters nicht entſprechen, ſon-


dern
[46]
Staatsverfaſſungen Mittel, Mittel menſchlicher
Erfindungen ſind: ſollten ſie allein von dem
Schickſale menſchlicher Mittel ausgenommen
ſeyn?
Ernſt.
Was nennſt du Schickſale menſchlicher Mit-
tel?
Falk.
Das, was unzertrennlich mit menſchlichen
Mitteln verbunden iſt; was ſie von goͤttlichen
unfehlbaren Mitteln unterſcheidet.
Ernſt.
Was iſt das?
Falk.
Daß ſie nicht unfehlbar ſind. Daß ſie ihrer
Abſicht nicht allein oͤfters nicht entſprechen, ſon-


dern
47
[47] auch wohl gerade das Gegentheil davon
bewirken.
Ernſt.
Ein Beyſpiel! wenn dir eines einfaͤllt.
Falk.
So ſind Schiffahrt und Schiffe Mittel in
entlegene Laͤnder zu kommen; und werden Urſa-
che, daß viele Menſchen nimmermehr dahin ge-
langen.
Ernſt.
Die nehmlich Schiffbruch leiden, und er-
ſauffen. Nun glaube ich dich zu verſtehen. —
Aber man weiß ja wohl, woher es koͤmmt,
wenn ſo viel einzelne Menſchen durch die Staats-
verfaſſung an ihrer Gluͤckſeligkeit nichts gewin-


nen
[47] auch wohl gerade das Gegentheil davon
bewirken.
Ernſt.
Ein Beyſpiel! wenn dir eines einfaͤllt.
Falk.
So ſind Schiffahrt und Schiffe Mittel in
entlegene Laͤnder zu kommen; und werden Urſa-
che, daß viele Menſchen nimmermehr dahin ge-
langen.
Ernſt.
Die nehmlich Schiffbruch leiden, und er-
ſauffen. Nun glaube ich dich zu verſtehen. —
Aber man weiß ja wohl, woher es koͤmmt,
wenn ſo viel einzelne Menſchen durch die Staats-
verfaſſung an ihrer Gluͤckſeligkeit nichts gewin-


nen
[47] auch wohl gerade das Gegentheil davon
bewirken.
Ernſt.
Ein Beyſpiel! wenn dir eines einfaͤllt.
Falk.
So ſind Schiffahrt und Schiffe Mittel in
entlegene Laͤnder zu kommen; und werden Urſa-
che, daß viele Menſchen nimmermehr dahin ge-
langen.
Ernſt.
Die nehmlich Schiffbruch leiden, und er-
ſauffen. Nun glaube ich dich zu verſtehen. —
Aber man weiß ja wohl, woher es koͤmmt,
wenn ſo viel einzelne Menſchen durch die Staats-
verfaſſung an ihrer Gluͤckſeligkeit nichts gewin-


nen
48
[48]. Der Staatsverfaſſungen ſind viele; eine
iſt alſo beſſer als die andere; manche iſt ſehr
fehlerhaft, mit ihrer Abſicht offenbar ſtreitend;
und die beſte ſoll vielleicht noch erfunden wer-
den.
Falk.
Das ungerechnet! Setze die beſte Staatsver-
faſſung, die ſich nur denken laͤßt, ſchon erfun-
den; ſetze, daß alle Menſchen in der ganzen
Welt dieſe beſte Staatsverfaſſung angenommen
haben: meynſt du nicht, daß auch dann noch,
ſelbſt aus dieſer beſten Staatsverfaſſung, Dinge
entſpringen muͤſſen, welche der menſchlichen
Gluͤckſeligkeit hoͤchſt nachtheilig ſind, und wovon
der Menſch in dem Stande der Natur ſchlech-
terdings nichts gewußt haͤtte?
[48]. Der Staatsverfaſſungen ſind viele; eine
iſt alſo beſſer als die andere; manche iſt ſehr
fehlerhaft, mit ihrer Abſicht offenbar ſtreitend;
und die beſte ſoll vielleicht noch erfunden wer-
den.
Falk.
Das ungerechnet! Setze die beſte Staatsver-
faſſung, die ſich nur denken laͤßt, ſchon erfun-
den; ſetze, daß alle Menſchen in der ganzen
Welt dieſe beſte Staatsverfaſſung angenommen
haben: meynſt du nicht, daß auch dann noch,
ſelbſt aus dieſer beſten Staatsverfaſſung, Dinge
entſpringen muͤſſen, welche der menſchlichen
Gluͤckſeligkeit hoͤchſt nachtheilig ſind, und wovon
der Menſch in dem Stande der Natur ſchlech-
terdings nichts gewußt haͤtte?
[48]. Der Staatsverfaſſungen ſind viele; eine
iſt alſo beſſer als die andere; manche iſt ſehr
fehlerhaft, mit ihrer Abſicht offenbar ſtreitend;
und die beſte ſoll vielleicht noch erfunden wer-
den.
Falk.
Das ungerechnet! Setze die beſte Staatsver-
faſſung, die ſich nur denken laͤßt, ſchon erfun-
den; ſetze, daß alle Menſchen in der ganzen
Welt dieſe beſte Staatsverfaſſung angenommen
haben: meynſt du nicht, daß auch dann noch,
ſelbſt aus dieſer beſten Staatsverfaſſung, Dinge
entſpringen muͤſſen, welche der menſchlichen
Gluͤckſeligkeit hoͤchſt nachtheilig ſind, und wovon
der Menſch in dem Stande der Natur ſchlech-
terdings nichts gewußt haͤtte?
49
[49]
Ernſt.
Ich meine: wenn dergleichen Dinge aus der
beſten Staatsverfaſſung entſpraͤngen, daß es
ſodann die beſte Staatsverfaſſung nicht waͤre.
Falk.
Und eine beſſere moͤglich waͤre? — Nun,
ſo nehme ich dieſe Beſſere als die Beſte an:
und frage das Nehmliche.
Ernſt.
Du ſcheineſt mir hier blos von vorne herein
aus dem angenommenen Begriffe zu vernuͤnfteln,
daß jedes Mittel menſchlicher Erfindung, wofuͤr
du die Staatsverfaſſungen ſammt und ſonders
erklaͤreſt, nicht anders als mangelhaft ſeyn koͤnne.
[49]
Ernſt.
Ich meine: wenn dergleichen Dinge aus der
beſten Staatsverfaſſung entſpraͤngen, daß es
ſodann die beſte Staatsverfaſſung nicht waͤre.
Falk.
Und eine beſſere moͤglich waͤre? — Nun,
ſo nehme ich dieſe Beſſere als die Beſte an:
und frage das Nehmliche.
Ernſt.
Du ſcheineſt mir hier blos von vorne herein
aus dem angenommenen Begriffe zu vernuͤnfteln,
daß jedes Mittel menſchlicher Erfindung, wofuͤr
du die Staatsverfaſſungen ſammt und ſonders
erklaͤreſt, nicht anders als mangelhaft ſeyn koͤnne.
[49]
Ernſt.
Ich meine: wenn dergleichen Dinge aus der
beſten Staatsverfaſſung entſpraͤngen, daß es
ſodann die beſte Staatsverfaſſung nicht waͤre.
Falk.
Und eine beſſere moͤglich waͤre? Nun,
ſo nehme ich dieſe Beſſere als die Beſte an:
und frage das Nehmliche.
Ernſt.
Du ſcheineſt mir hier blos von vorne herein
aus dem angenommenen Begriffe zu vernuͤnfteln,
daß jedes Mittel menſchlicher Erfindung, wofuͤr
du die Staatsverfaſſungen ſammt und ſonders
erklaͤreſt, nicht anders als mangelhaft ſeyn koͤnne.
50
[50]
Falk.
Nicht blos.
Ernſt.
Und es wuͤrde dir ſchwer werden, eins von
jenen nachtheiligen Dingen zu nennen —
Falk.
Die auch aus der beſten Staatsverfaſſung
nothwendig entſpringen muͤſſen? — O zehne
fuͤr eines.
Ernſt.
Nur eines erſt.
Falk.
Wir nehmen alſo die beſte Staatsverfaſſung
fuͤr erfunden an; wir nehmen an, daß alle
[50]
Falk.
Nicht blos.
Ernſt.
Und es wuͤrde dir ſchwer werden, eins von
jenen nachtheiligen Dingen zu nennen —
Falk.
Die auch aus der beſten Staatsverfaſſung
nothwendig entſpringen muͤſſen? — O zehne
fuͤr eines.
Ernſt.
Nur eines erſt.
Falk.
Wir nehmen alſo die beſte Staatsverfaſſung
fuͤr erfunden an; wir nehmen an, daß alle
[50]
Falk.
Nicht blos.
Ernſt.
Und es wuͤrde dir ſchwer werden, eins von
jenen nachtheiligen Dingen zu nennen —
Falk.
Die auch aus der beſten Staatsverfaſſung
nothwendig entſpringen muͤſſen? — O zehne
fuͤr eines.
Ernſt.
Nur eines erſt.
Falk.
Wir nehmen alſo die beſte Staatsverfaſſung
fuͤr erfunden an; wir nehmen an, daß alle
51
[51]
Menſchen in der Welt in dieſer beſten Staats-
verfaſſung leben: wuͤrden deßwegen alle Menſchen
in der Welt, nur einen Staat ausmachen?
Ernſt.
Wohl ſchwerlich. Ein ſo ungeheurer Staat
wuͤrde keiner Verwaltung faͤhig ſeyn. Er muͤßte
ſich alſo in mehrere kleine Staaten vertheilen,
die alle nach den nehmlichen Geſetzen verwaltet
wuͤrden.
Falk.
Das iſt: die Menſchen wuͤrden auch dann
noch Deutſche und Franzoſen, Hollaͤnder und
Spanier, Ruſſen und Schweden ſeyn; oder wie
ſie ſonſt heiſſen wuͤrden.
Ernſt.
Ganz gewiß!
[51]
Menſchen in der Welt in dieſer beſten Staats-
verfaſſung leben: wuͤrden deßwegen alle Menſchen
in der Welt, nur einen Staat ausmachen?
Ernſt.
Wohl ſchwerlich. Ein ſo ungeheurer Staat
wuͤrde keiner Verwaltung faͤhig ſeyn. Er muͤßte
ſich alſo in mehrere kleine Staaten vertheilen,
die alle nach den nehmlichen Geſetzen verwaltet
wuͤrden.
Falk.
Das iſt: die Menſchen wuͤrden auch dann
noch Deutſche und Franzoſen, Hollaͤnder und
Spanier, Ruſſen und Schweden ſeyn; oder wie
ſie ſonſt heiſſen wuͤrden.
Ernſt.
Ganz gewiß!
[51]
Menſchen in der Welt in dieſer beſten Staats-
verfaſſung leben: wuͤrden deßwegen alle Menſchen
in der Welt, nur einen Staat ausmachen?
Ernſt.
Wohl ſchwerlich. Ein ſo ungeheurer Staat
wuͤrde keiner Verwaltung faͤhig ſeyn. Er muͤßte
ſich alſo in mehrere kleine Staaten vertheilen,
die alle nach den nehmlichen Geſetzen verwaltet
wuͤrden.
Falk.
Das iſt: die Menſchen wuͤrden auch dann
noch Deutſche und Franzoſen, Hollaͤnder und
Spanier, Ruſſen und Schweden ſeyn; oder wie
ſie ſonſt heiſſen wuͤrden.
Ernſt.
Ganz gewiß!
52
[52]
Falk.
Nun da haben wir ja ſchon Eines. Denn
nicht wahr, jeder dieſer kleinern Staaten haͤtte
ſein eignes Intereſſe? und jedes Glied derſelben
haͤtte das Intereſſe ſeines Staats?
Ernſt.
Wie anders?
Falk.
Dieſe verſchiedene Intereſſe wuͤrden oͤfters in
Colliſion kommen, ſo wie itzt: und zwey Glie-
der aus zwey verſchiedenen Staaten wuͤrden ein-
ander eben ſo wenig mit unbefangenem Gemuͤth
begegnen koͤnnen, als itzt ein Deutſcher einem
Franzoſen, ein Franzoſe einem Englaͤnder be-
gegnet.
[52]
Falk.
Nun da haben wir ja ſchon Eines. Denn
nicht wahr, jeder dieſer kleinern Staaten haͤtte
ſein eignes Intereſſe? und jedes Glied derſelben
haͤtte das Intereſſe ſeines Staats?
Ernſt.
Wie anders?
Falk.
Dieſe verſchiedene Intereſſe wuͤrden oͤfters in
Colliſion kommen, ſo wie itzt: und zwey Glie-
der aus zwey verſchiedenen Staaten wuͤrden ein-
ander eben ſo wenig mit unbefangenem Gemuͤth
begegnen koͤnnen, als itzt ein Deutſcher einem
Franzoſen, ein Franzoſe einem Englaͤnder be-
gegnet.
[52]
Falk.
Nun da haben wir ja ſchon Eines. Denn
nicht wahr, jeder dieſer kleinern Staaten haͤtte
ſein eignes Intereſſe? und jedes Glied derſelben
haͤtte das Intereſſe ſeines Staats?
Ernſt.
Wie anders?
Falk.
Dieſe verſchiedene Intereſſe wuͤrden oͤfters
in Colliſion kommen, ſo wie itzt: und zwey Glie-
der aus zwey verſchiedenen Staaten wuͤrden ein-
ander eben ſo wenig mit unbefangenem Gemuͤth
begegnen koͤnnen, als itzt ein Deutſcher einem
Franzoſen, ein Franzoſe einem Englaͤnder be-
gegnet.
53
[53]
Ernſt.
Sehr wahrſcheinlich!
Falk.
Das iſt: wenn itzt ein Deutſcher einem
Franzoſen, ein Franzoſe einem Englaͤnder, oder
umgekehrt, begegnet, ſo begegnet nicht mehr
ein bloſſer Menſch einem bloſſen Menſchen, die
vermoͤge ihrer gleichen Natur gegen einander
angezogen werden, ſondern ein ſolcher Menſch
begegnet einem ſolchen Menſchen, die ihrer
verſchiednen Tendenz ſich bewußt ſind, welches
ſie gegen einander kalt, zuruͤckhaltend, miß-
trauiſch macht, noch ehe ſie fuͤr ihre einzelne
Perſon das geringſte mit einander zu ſchaffen
und zu theilen haben.
[53]
Ernſt.
Sehr wahrſcheinlich!
Falk.
Das iſt: wenn itzt ein Deutſcher einem
Franzoſen, ein Franzoſe einem Englaͤnder, oder
umgekehrt, begegnet, ſo begegnet nicht mehr
ein bloſſer Menſch einem bloſſen Menſchen, die
vermoͤge ihrer gleichen Natur gegen einander
angezogen werden, ſondern ein ſolcher Menſch
begegnet einem ſolchen Menſchen, die ihrer
verſchiednen Tendenz ſich bewußt ſind, welches
ſie gegen einander kalt, zuruͤckhaltend, miß-
trauiſch macht, noch ehe ſie fuͤr ihre einzelne
Perſon das geringſte mit einander zu ſchaffen
und zu theilen haben.
[53]
Ernſt.
Sehr wahrſcheinlich!
Falk.
Das iſt: wenn itzt ein Deutſcher einem
Franzoſen, ein Franzoſe einem Englaͤnder, oder
umgekehrt, begegnet, ſo begegnet nicht mehr
ein bloſſer Menſch einem bloſſen Menſchen, die
vermoͤge ihrer gleichen Natur gegen einander
angezogen werden, ſondern ein ſolcher Menſch
begegnet einem ſolchen Menſchen, die ihrer
verſchiednen Tendenz ſich bewußt ſind, welches
ſie gegen einander kalt, zuruͤckhaltend, miß-
trauiſch macht, noch ehe ſie fuͤr ihre einzelne
Perſon das geringſte mit einander zu ſchaffen
und zu theilen haben.
54
[54]
Ernſt.
Das iſt leider wahr.
Falk.
Nun ſo iſt es denn auch wahr, daß das Mit-
tel, welches die Menſchen vereiniget, um ſie
durch dieſe Vereinigung ihres Gluͤckes zu verſi-
chern
1, die Menſchen zugleich trennet.
Ernſt.
Wenn du es ſo verſteheſt.
Falk.
Tritt einen Schritt weiter. Viele von den
kleinern Staaten wuͤrden ein ganz verſchiedenes
Klima, folglich ganz verſchiedene Beduͤrfniſſe
und Befriedigungen, folglich ganz verſchiedene
Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz ver-


ſchiedene
[54]
Ernſt.
Das iſt leider wahr.
Falk.
Nun ſo iſt es denn auch wahr, daß das Mit-
tel, welches die Menſchen vereiniget, um ſie
durch dieſe Vereinigung ihres Gluͤckes zuverſi-
chern
1, die Menſchen zugleich trennet.
Ernſt.
Wenn du es ſo verſteheſt.
Falk.
Tritt einen Schritt weiter. Viele von den
kleinern Staaten wuͤrden ein ganz verſchiedenes
Klima, folglich ganz verſchiedene Beduͤrfniſſe
und Befriedigungen, folglich ganz verſchiedene
Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz ver-


ſchiedene
[54]
Ernſt.
Das iſt leider wahr.
Falk.
Nun ſo iſt es denn auch wahr, daß das Mit-
tel, welches die Menſchen vereiniget, um ſie
durch dieſe Vereinigung ihres Gluͤckes zu verſi-
chern
1, die Menſchen zugleich trennet.
Ernſt.
Wenn du es ſo verſteheſt.
Falk.
Tritt einen Schritt weiter. Viele von den
kleinern Staaten wuͤrden ein ganz verſchiedenes
Klima, folglich ganz verſchiedene Beduͤrfniſſe
und Befriedigungen, folglich ganz verſchiedene
Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz ver-


ſchiedene
55
[55] Sittenlehren, folglich ganz verſchiedene
Religionen haben. Meynſt du nicht?
Ernſt.
Das iſt ein gewaltiger Schritt!
Falk.
Die Menſchen wuͤrden auch dann noch Juden
und Chriſten und Tuͤrken und dergleichen ſeyn.
Ernſt.
Ich getraue mir nicht, Nein zu ſagen.
Falk.
Wuͤrden ſie das; ſo wuͤrden ſie auch, ſie
moͤchten heiſſen, wie ſie wollten, ſich unter ein-
ander nicht anders verhalten, als ſich unſere
Chriſten und Juden und Tuͤrken von je her un-
ter einander verhalten haben. Nicht als bloſſe
[55] Sittenlehren, folglich ganz verſchiedene
Religionen haben. Meynſt du nicht.
Ernſt.
Das iſt ein gewaltiger Schritt!
Falk.
Die Menſchen wuͤrden auch dann noch Juden
und Chriſten und Tuͤrken und dergleichen ſeyn.
Ernſt.
Ich getraue mir nicht, Nein zu ſagen.
Falk.
Wuͤrden ſie das; ſo wuͤrden ſie auch, ſie
moͤchten heiſſen, wie ſie wollten, ſich unter ein-
ander nicht anders verhalten, als ſich unſere
Chriſten und Juden und Tuͤrken von je her un-
ter einander verhalten haben. Nicht als bloſſe
[55] Sittenlehren, folglich ganz verſchiedene
Religionen haben. Meynſt du nicht?
Ernſt.
Das iſt ein gewaltiger Schritt!
Falk.
Die Menſchen wuͤrden auch dann noch Juden
und Chriſten und Tuͤrken und dergleichen ſeyn.
Ernſt.
Ich getraue mir nicht, Nein zu ſagen.
Falk.
Wuͤrden ſie das; ſo wuͤrden ſie auch, ſie
moͤchten heiſſen, wie ſie wollten, ſich unter ein-
ander nicht anders verhalten, als ſich unſere
Chriſten und Juden und Tuͤrken von je her un-
ter einander verhalten haben. Nicht als bloſſe
56
[56]
Menſchen gegen bloſſe Menſchen; ſondern als
ſolche Menſchen gegen ſolche Menſchen, die ſich
einen gewiſſen geiſtigen Vorzug ſtreitig machen,
und darauf Rechte gruͤnden, die dem natuͤrli-
chen Menſchen nimmermehr einfallen koͤnnten.
Ernſt.
Das iſt ſehr traurig; aber leider doch ſehr
vermuthlich.
Falk.
Nur vermuthlich?
Ernſt.
Denn allenfalls daͤchte ich doch, ſo wie du
angenommen haſt, daß alle Staaten einerley
Verfaſſung haͤtten, daß ſie auch wohl alle einer-
ley Religion haben koͤnnten. Ja ich begreiffe
[56]
Menſchen gegen bloſſe Menſchen; ſondern als
ſolche Menſchen gegen ſolche Menſchen, die ſich
einen gewiſſen geiſtigen Vorzug ſtreitig machen,
und darauf Rechte gruͤnden, die dem natuͤrli-
chen Menſchen nimmermehr einfallen koͤnnten.
Ernſt.
Das iſt ſehr traurig; aber leider doch ſehr
vermuthlich.
Falk.
Nur vermuthlich?
Ernſt.
Denn allenfalls daͤchte ich doch, ſo wie du
angenommen haſt, daß alle Staaten einerley
Verfaſſung haͤtten, daß ſie auch wohl alle einer-
ley Religion haben koͤnnten. Ja ich begreiffe
[56]
Menſchen gegen bloſſe Menſchen; ſondern als
ſolche Menſchen gegen ſolche Menſchen, die ſich
einen gewiſſen geiſtigen Vorzug ſtreitig machen,
und darauf Rechte gruͤnden, die dem natuͤrli-
chen Menſchen nimmermehr einfallen koͤnnten.
Ernſt.
Das iſt ſehr traurig; aber leider doch ſehr
vermuthlich.
Falk.
Nur vermuthlich?
Ernſt.
Denn allenfalls daͤchte ich doch, ſo wie du
angenommen haſt, daß alle Staaten einerley
Verfaſſung haͤtten, daß ſie auch wohl alle einer-
ley Religion haben koͤnnten. Ja ich begreiffe
57
[57]
nicht, wie einerley Staatsverfaſſung ohne einer-
ley Religion auch nur moͤglich iſt.
Falk.
Ich eben ſo wenig. — Auch nahm ich je-
nes nur an, um deine Ausflucht abzuſchneiden.
Eines iſt zuverlaͤſſig eben ſo unmoͤglich, als das
andere. Ein Staat: mehrere Staaten. Meh-
rere Staaten: mehrere Staatsverfaſſungen.
Mehrere Staatsverfaſſungen: mehrere Religio-
nen.
Ernſt.
Ja, ja: ſo ſcheinet es.
Falk.
So iſt es. — Nun ſieh da das zweyte Un-
heil, welches die buͤrgerliche Geſellſchaft, ganz
[57]
nicht, wie einerley Staatsverfaſſung ohne einer-
ley Religion auch nur moͤglich iſt.
Falk.
Ich eben ſo wenig. — Auch nahm ich je-
nes nur an, um deine Ausflucht abzuſchneiden.
Eines iſt zuverlaͤſſig eben ſo unmoͤglich, als das
andere. Ein Staat: mehrere Staaten. Meh-
rere Staaten: mehrere Staatsverfaſſungen.
Mehrere Staatsverfaſſungen: mehrere Religio-
nen.
Ernſt.
Ja, ja: ſo ſcheinet es.
Falk.
So iſt es. — Nun ſieh da das zweyte Un-
heil, welches die buͤrgerliche Geſellſchaft, ganz
[57]
nicht, wie einerley Staatsverfaſſung ohne einer-
ley Religion auch nur moͤglich iſt.
Falk.
Ich eben ſo wenig. — Auch nahm ich je-
nes nur an, um deine Ausflucht abzuſchneiden.
Eines iſt zuverlaͤſſig eben ſo unmoͤglich, als das
andere. Ein Staat: mehrere Staaten. Meh-
rere Staaten: mehrere Staatsverfaſſungen.
Mehrere Staatsverfaſſungen: mehrere Religio-
nen.
Ernſt.
Ja, ja: ſo ſcheinet es.
Falk.
So iſt es. — Nun ſieh da das zweyte Un-
heil, welches die buͤrgerliche Geſellſchaft, ganz
58
[58]
ihrer Abſicht entgegen, verurſacht. Sie kann
die Menſchen nicht vereinigen, ohne ſie zu tren-
nen; nicht trennen, ohne Kluͤfte zwiſchen ihnen
zu befeſtigen, ohne Scheidemauern durch ſie hin
zu ziehen.
Ernſt.
Und wie ſchrecklich dieſe Kluͤfte ſind! wie un-
uͤberſteiglich oft dieſe Scheidemauern!
Falk.
Laß mich noch das dritte hinzufuͤgen. —
Nicht genug, daß die buͤrgerliche Geſellſchaft
die Menſchen in verſchiedene Voͤlker und Reli-
gionen theilet und trennet. — Dieſe Trennung
in wenige groſſe Theile, deren jeder fuͤr ſich
ein Ganzes waͤre, waͤre doch immer noch beſ-
ſer, als gar kein Ganzes. — Nein; die buͤrger-


liche
[58]
ihrer Abſicht entgegen, verurſacht. Sie kann
die Menſchen nicht vereinigen, ohne ſie zu tren-
nen; nicht trennen, ohne Kluͤfte zwiſchen ihnen
zu befeſtigen, ohne Scheidemauern durch ſie hin
zu ziehen.
Ernſt.
Und wie ſchrecklich dieſe Kluͤfte ſind! wie un-
uͤberſteiglich oft dieſe Scheidemauern!
Falk.
Laß mich noch das dritte hinzufuͤgen. —
Nicht genug, daß die buͤrgerliche Geſellſchaft
die Menſchen in verſchiedene Voͤlker und Reli-
gionen theilet und trennet. — Dieſe Trennung
in wenige groſſe Theile, deren jeder fuͤr ſich
ein Ganzes waͤre, waͤre doch immer noch beſ-
ſer, als gar kein Ganzes. — Nein; die buͤrger-


liche
[58]
ihrer Abſicht entgegen, verurſacht. Sie kann
die Menſchen nicht vereinigen, ohne ſie zu tren-
nen; nicht trennen, ohne Kluͤfte zwiſchen ihnen
zu befeſtigen, ohne Scheidemauern durch ſie hin
zu ziehen.
Ernſt.
Und wie ſchrecklich dieſe Kluͤfte ſind! wie un-
uͤberſteiglich oft dieſe Scheidemauern!
Falk.
Laß mich noch das dritte hinzufuͤgen. —
Nicht genug, daß die buͤrgerliche Geſellſchaft
die Menſchen in verſchiedene Voͤlker und Reli-
gionen theilet und trennet. — Dieſe Trennung
in wenige groſſe Theile, deren jeder fuͤr ſich
ein ganzes waͤre, waͤre doch immer noch beſ-
ſer, als gar kein Ganzes. — Nein; die buͤrger-


liche
59
[59] Geſellſchaft ſetzt ihre Trennung auch in
jedem dieſer Theile gleichſam bis ins Unendli-
che fort.
Ernſt.
Wie ſo?
Falk.
Oder meyneſt1 du, daß ein Staat ſich ohne
Verſchiedenheit von Staͤnden denken laͤßt? Er
ſey gut oder ſchlecht, der Vollkommenheit mehr
oder weniger nahe: unmoͤglich koͤnnen alle Glie-
der deſſelben unter ſich das nehmliche Verhaͤlt-
niß haben. — Wenn ſie auch alle an der Ge-
ſetzgebung Antheil haben: ſo koͤnnen ſie doch
nicht gleichen Antheil haben, wenigſtens nicht
gleich unmittelbaren Antheil. Es wird alſo vor-
nehmere und geringere Glieder geben. — Wenn
[59] Geſellſchaft ſetzt ihre Trennung auch in
jedem dieſer Theile gleichſam bis ins Unendli-
che fort.
Ernſt.
Wie ſo?
Falk.
Oder meynſt1 du, daß ein Staat ſich ohne
Verſchiedenheit von Staͤnden denken laͤßt? Er
ſey gut oder ſchlecht, der Vollkommenheit mehr
oder weniger nahe: unmoͤglich koͤnnen alle Glie-
der deſſelben unter ſich das nehmliche Verhaͤlt-
niß haben. — Wenn ſie auch alle an der Ge-
ſetzgebung Antheil haben: ſo koͤnnen ſie doch
nicht gleichen Antheil haben, wenigſtens nicht
gleich unmittelbaren Antheil. Es wird alſo vor-
nehmere und geringere Glieder geben. — Wenn
[59] Geſellſchaft ſetzt ihre Trennung auch in
jedem dieſer Theile gleichſam bis ins Unendli-
che fort.
Ernſt.
Wie ſo?
Falk.
Oder meyneſt1 du, daß ein Staat ſich ohne
Verſchiedenheit von Staͤnden denken laͤßt? Er
ſey gut oder ſchlecht, der Vollkommenheit mehr
oder weniger nahe: unmoͤglich koͤnnen alle Glie-
der deſſelben unter ſich das nehmliche Verhaͤlt-
niß haben. — Wenn ſie auch alle an der Ge-
ſetzgebung Antheil haben: ſo koͤnnen ſie doch
nicht gleichen Antheil haben, wenigſtens nicht
gleich unmittelbaren Antheil. Es wird alſo vor-
nehmere und geringere Glieder geben. — Wenn
60
[60]
Anfangs auch alle Beſitzungen des Staats un-
ter ſie gleich vertheilet worden: ſo kann dieſe
gleiche Vertheilung doch keine zwey Menſchen-
alter beſtehen. Einer wird ſein Eigenthum beſ-
ſer zu nuzen1 wiſſen, als der andere. Einer
wird ſein ſchlechter genutztes Eigenthum gleich-
wol unter mehrere Nachkommen zu vertheilen
haben, als der andere. Es wird alſo reichere
und aͤrmere Glieder geben.
Ernſt.
Das verſteht ſich.
Falk.
Nun uͤberlege, wie viel Uebel es in der
Welt wohl giebt, das in dieſer Verſchiedenheit
der Staͤnde ſeinen Grund nicht hat.
[60]
Anfangs auch alle Beſitzungen des Staats un-
ter ſie gleich vertheilet worden: ſo kann dieſe
gleiche Vertheilung doch keine zwey Menſchen-
alter beſtehen. Einer wird ſein Eigenthum beſ-
ſer zu nutzen1 wiſſen, als der andere. Einer
wird ſein ſchlechter genutztes Eigenthum gleich-
wol unter mehrere Nachkommen zu vertheilen
haben, als der andere. Es wird alſo reichere
und aͤrmere Glieder geben.
Ernſt.
Das verſteht ſich.
Falk.
Nun uͤberlege, wie viel Uebel es in der
Welt wohl giebt, das in dieſer Verſchiedenheit
der Staͤnde ſeinen Grund nicht hat.
[60]
Anfangs auch alle Beſitzungen des Staats un-
ter ſie gleich vertheilet worden: ſo kann dieſe
gleiche Vertheilung doch keine zwey Menſchen-
alter beſtehen. Einer wird ſein Eigenthum beſ-
ſer zu nuzen1 wiſſen, als der andere. Einer
wird ſein ſchlechter genutztes Eigenthum gleich-
wol unter mehrere Nachkommen zu vertheilen
haben, als der andere. Es wird alſo reichere
und aͤrmere Glieder geben.
Ernſt.
Das verſteht ſich.
Falk.
Nun uͤberlege, wie viel Uebel es in der
Welt wohl giebt, das in dieſer Verſchiedenheit
der Staͤnde ſeinen Grund nicht hat.
61
[61]
Ernſt.
Wenn ich dir doch widerſprechen koͤnnte! —
Aber was hatte ich fuͤr Urſache, dir uͤberhaupt
zu widerſprechen? — Nun ja! die Menſchen
ſind nur durch Trennung zu vereinigen! nur
durch unaufhoͤrliche Trennung in Vereinigung
zu erhalten! Das iſt nun einmal ſo. Das kann
nun nicht anders ſeyn.
Falk.
Das ſage ich eben!
Ernſt.
Alſo, was willſt du damit? Mir das buͤr-
gerliche Leben dadurch verleiden? Mich wuͤn-
ſchen machen, daß den Menſchen der Gedanke,
ſich in Staaten zu vereinigen, nie moͤge gekom-
men ſeyn?
[61]
Ernſt.
Wenn ich dir doch widerſprechen koͤnnte! —
Aber was hatte ich fuͤr Urſache, dir uͤberhaupt
zu widerſprechen? — Nun ja! die Menſchen
ſind nur durch Trennung zu vereinigen! nur
durch unaufhoͤrliche Trennung in Vereinigung
zu erhalten! Das iſt nun einmal ſo. Das kann
nun nicht anders ſeyn.
Falk.
Das ſage ich eben!
Ernſt.
Alſo, was willſt du damit? Mir das buͤr-
gerliche Leben dadurch verleiden? Mich wuͤn-
ſchen machen, daß den Menſchen der Gedanke,
ſich in Staaten zu vereinigen, nie moͤge gekom-
men ſeyn?
[61]
Ernſt.
Wenn ich dir doch widerſprechen koͤnnte! —
Aber was hatte ich fuͤr Urſache, dir uͤberhaupt
zu widerſprechen? — Nun ja! die Menſchen
ſind nur durch Trennung zu vereinigen! nur
durch unaufhoͤrliche Trennung in Vereinigung
zu erhalten! Das iſt nun einmal ſo. Das kann
nun nicht anders ſeyn.
Falk.
Das ſage ich eben!
Ernſt.
Alſo, was willſt du damit? Mir das buͤr-
gerliche Leben dadurch verleiden? Mich wuͤn-
ſchen machen, daß den Menſchen der Gedanke,
ſich in Staaten zu vereinigen, nie moͤge gekom-
men ſeyn?
62
[62]
Falk.
Verkennſt du mich ſo weit? — Wenn die
buͤrgerliche Geſellſchaft auch nur das Gute haͤt-
te, daß allein in ihr die menſchliche Vernunft
angebauet werden kann: ich wuͤrde ſie auch bey
weit groͤſſern Uebeln noch ſegnen.
Ernſt.
Wer des Feuers genieſſen will, ſagt das
Sprichwort, muß ſich den Rauch gefallen laſſen.
Falk.
Allerdings! — Aber weil der Rauch bey
dem Feuer unvermeidlich iſt: durfte man darum
keinen Rauchfang erfinden? Und der den Rauch-
fang erfand, war der darum ein Feind des
Feuers? — Sieh, dahin wollte ich.
[62]
Falk.
Verkennſt du mich ſo weit? — Wenn die
buͤrgerliche Geſellſchaft auch nur das Gute haͤt-
te, daß allein in ihr die menſchliche Vernunft
angebauet werden kann: ich wuͤrde ſie auch bey
weit groͤſſern Uebeln noch ſegnen.
Ernſt.
Wer des Feuers genieſſen will, ſagt das
Sprichwort, muß ſich den Rauch gefallen laſſen.
Falk.
Allerdings! — Aber weil der Rauch bey
dem Feuer unvermeidlich iſt: durfte man darum
keinen Rauchfang erfinden? Und der den Rauch-
fang erfand, war der darum ein Feind des
Feuers? — Sieh, dahin wollte ich.
[62]
Falk.
Verkennſt du mich ſo weit? — Wenn die
buͤrgerliche Geſellſchaft auch nur das Gute haͤt-
te, daß allein in ihr die menſchliche Vernunft
angebauet werden kann: ich wuͤrde ſie auch bey
weit groͤſſern Uebeln noch ſegnen.
Ernſt.
Wer des Feuers genieſſen will, ſagt das
Sprichwort, muß ſich den Rauch gefallen laſſen.
Falk.
Allerdings! — Aber weil der Rauch bey
dem Feuer unvermeidlich iſt: durfte man darum
keinen Rauchfang erfinden? Und der den Rauch-
fang erfand, war der darum ein Feind des
Feuers? — Sieh, dahin wollte ich.
63
[63]
Ernſt.
Wohin? — Ich verſtehe dich nicht.
Falk.
Das Gleichniß war doch ſehr paſſend. — —
Wenn die Menſchen nicht anders in Staaten
vereiniget werden konnten, als durch jene Tren-
nungen: werden ſie darum gut, jene Tren-
nungen?
Ernſt.
Das wohl nicht.
Falk.
Werden ſie darum heilig, jene Trennun-
gen?
Ernſt.
Wie heilig?
[63]
Ernſt.
Wohin? — Ich verſtehe dich nicht.
Falk.
Das Gleichniß war doch ſehr paſſend. — —
Wenn die Menſchen nicht anders in Staaten
vereiniget werden konnten, als durch jene Tren-
nungen: werden ſie darum gut, jene Tren-
nungen?
Ernſt.
Das wohl nicht.
Falk.
Werden ſie darum heilig, jene Trennun-
gen?
Ernſt.
Wie heilig?
[63]
Ernſt.
Wohin? — Ich verſtehe dich nicht.
Falk.
Das Gleichniß war doch ſehr paſſend. — —
Wenn die Menſchen nicht anders in Staaten
vereiniget werden konnten, als durch jene Tren-
nungen: werden ſie darum gut, jene Tren-
nungen?
Ernſt.
Das wohl nicht.
Falk.
Werden ſie darum heilig, jene Trennun-
gen?
Ernſt.
Wie heilig?
64
[64]
Falk.
Daß es verboten ſeyn ſollte, Hand an ſie
zu legen?
Ernſt.
In Abſicht? . . .
Falk.
In Abſicht, ſie nicht groͤſſer einreiſſen zu
laſſen, als die Nothwendigkeit erfodert1. In
Abſicht, ihre Folgen ſo unſchaͤdlich zu machen,
als moͤglich.
Ernſt.
Wie koͤnnte das verbothen ſeyn?
Falk.
Aber gebothen kann es doch auch nicht ſeyn;
durch buͤrgerliche Geſetze nicht gebothen! —
[64]
Falk.
Daß es verboten ſeyn ſollte, Hand an ſie
zu legen?
Ernſt.
In Abſicht? . . .
Falk.
In Abſicht, ſie nicht groͤſſer einreiſſen zu
laſſen, als die Nothwendigkeit erfordert1. In
Abſicht, ihre Folgen ſo unſchaͤdlich zu machen,
als moͤglich.
Ernſt.
Wie koͤnnte das verbothen ſeyn?
Falk.
Aber gebothen kann es doch auch nicht ſeyn;
durch buͤrgerliche Geſetze nicht gebothen! —
[64]
Falk.
Daß es verboten ſeyn ſollte, Hand an ſie
zu legen?
Ernſt.
In Abſicht? . . .
Falk.
In Abſicht, ſie nicht groͤſſer einreiſſen zu
laſſen, als die Nothwendigkeit erfodert1. In
Abſicht, ihre Folgen ſo unſchaͤdlich zu machen,
als moͤglich.
Ernſt.
Wie koͤnnte das verbothen ſeyn?
Falk.
Aber gebothen kann es doch auch nicht ſeyn;
durch buͤrgerliche Geſetze nicht gebothen! —
65
[65]
Denn buͤrgerliche Geſetze erſtrecken ſich nie uͤber
die Grenzen ihres Staats. Und dieſes wuͤrde
nun gerade auſſer den Grenzen aller und jeder
Staaten liegen. — Folglich kann es nur ein
Opus ſupererogatum1‘ ſeyn: und es waͤre blos zu
wuͤnſchen, daß ſich die Weiſeſten und Beſten eines
jeden Staats dieſem ‚Operi ſupererogato2‘ freywil-
lig unterzoͤgen.
Ernſt.
Blos zu wuͤnſchen; aber recht ſehr zu wuͤn-
ſchen.
Falk.
Ich daͤchte! Recht ſehr zu wuͤnſchen, daß es
in jedem Staate Maͤnner geben moͤchte, die
uͤber die Vorurtheile der Voͤlkerſchaft hinweg
waͤren, und genau wuͤßten, wo Patriotiſmus,
Tugend zu ſeyn aufhoͤret.
[65]
Denn buͤrgerliche Geſetze erſtrecken ſich nie uͤber
die Grenzen ihres Staats. Und dieſes wuͤrde
nun gerade auſſer den Grenzen aller und jeder
Staaten liegen. — Folglich kann es nur ein
Opus ſupererrogatum1‘ ſeyn: und es waͤre blos zu
wuͤnſchen, daß ſich die Weiſeſten und Beſten eines
jeden Staats dieſem ‚Operi ſupererrogato2‘ freywil-
lig unterzoͤgen.
Ernſt.
Blos zu wuͤnſchen; aber recht ſehr zu wuͤn-
ſchen.
Falk.
Ich daͤchte! Recht ſehr zu wuͤnſchen, daß es
in jedem Staate Maͤnner geben moͤchte, die
uͤber die Vorurtheile der Voͤlkerſchaft hinweg
waͤren, und genau wuͤßten, wo Patriotiſmus,
Tugend zu ſeyn aufhoͤret.
[65]
Denn buͤrgerliche Geſetze erſtrecken ſich nie uͤber
die Grenzen ihres Staats. Und dieſes wuͤrde
nun gerade auſſer den Grenzen aller und jeder
Staaten liegen. — Folglich kann es nur ein
Opus ſupererogatum1‘ ſeyn: und es waͤre blos zu
wuͤnſchen, daß ſich die Weiſeſten und Beſten eines
jeden Staats dieſem ‚Operi ſupererogato2‘ freywil-
lig unterzoͤgen.
Ernſt.
Blos zu wuͤnſchen; aber recht ſehr zu wuͤn-
ſchen.
Falk.
Ich daͤchte! Recht ſehr zu wuͤnſchen, daß es
in jedem Staate Maͤnner geben moͤchte, die
uͤber die Vorurtheile der Voͤlkerſchaft hinweg
waͤren, und genau wuͤßten, wo Patriotiſmus,
Tugend zu ſeyn aufhoͤret.
66
[66]
Ernſt.
Recht ſehr zu wuͤnſchen!
Falk.
Recht ſehr zu wuͤnſchen, daß es in jedem
Staate Maͤnner geben moͤchte, die dem Vorur-
theile ihrer angebohrnen Religion nicht unter-
laͤgen; nicht glaubten, daß alles nothwendig
gut und wahr ſeyn muͤſſe, was ſie fuͤr gut und
wahr erkennen.
Ernſt.
Recht ſehr zu wuͤnſchen!
Falk.
Recht ſehr zu wuͤnſchen, daß es in jedem
Staate Maͤnner geben moͤchte, welche buͤrger-
liche Hoheit nicht blendet, und buͤrgerliche Ge-


ringfuͤgigkeit
[66]
Ernſt.
Recht ſehr zu wuͤnſchen!
Falk.
Recht ſehr zu wuͤnſchen, daß es in jedem
Staate Maͤnner geben moͤchte, die dem Vorur-
theile ihrer angebohrnen Religion nicht unter-
laͤgen; nicht glaubten, daß alles nothwendig
gut und wahr ſeyn muͤſſe, was ſie fuͤr gut und
wahr erkennen.
Ernſt.
Recht ſehr zu wuͤnſchen!
Falk.
Recht ſehr zu wuͤnſchen, daß es in jedem
Staate Maͤnner geben moͤchte, welche buͤrger-
liche Hoheit nicht blendet, und buͤrgerliche Ge-


ringfuͤgigkeit
[66]
Ernſt.
Recht ſehr zu wuͤnſchen!
Falk.
Recht ſehr zu wuͤnſchen, daß es in jedem
Staate Maͤnner geben moͤchte, die dem Vorur-
theile ihrer angebohrnen Religion nicht unter-
laͤgen; nicht glaubten, daß alles nothwendig
gut und wahr ſeyn muͤſſe, was ſie fuͤr gut und
wahr erkennen.
Ernſt.
Recht ſehr zu wuͤnſchen!
Falk.
Recht ſehr zu wuͤnſchen, daß es in jedem
Staate Maͤnner geben moͤchte, welche buͤrger-
liche Hoheit nicht blendet, und buͤrgerliche Ge-


ringfuͤgigkeit
67
[67] nicht eckelt; in deren Geſellſchaft
der Hohe ſich gern herablaͤßt, und der Geringe
ſich dreiſt erhebet.
Ernſt.
Recht ſehr zu wuͤnſchen!
Falk.
Und wenn er erfuͤllt waͤre, dieſer Wunſch?
Ernſt.
Erfuͤllt? — Es wird freylich hier und da,
dann und wann, einen ſolchen Mann geben.
Falk.
Nicht blos hier und da; nicht blos dann
und wann.
[67] nicht eckelt; in deren Geſellſchaft
der Hohe ſich gern herablaͤßt, und der Geringe
ſich dreiſt erhebet.
Ernſt.
Recht ſehr zu wuͤnſchen!
Falk.
Und wenn er erfuͤllt waͤre, dieſer Wunſch?
Ernſt.
Erfuͤllt? — Es wird freylich hier und da,
dann und wann, einen ſolchen Mann geben.
Falk.
Nicht blos hier und da; nicht blos dann
und wann.
[67] nicht eckelt; in deren Geſellſchaft
der Hohe ſich gern herablaͤßt, und der Geringe
ſich dreiſt erhebet.
Ernſt.
Recht ſehr zu wuͤnſchen!
Falk.
Und wenn er erfuͤllt waͤre, dieſer Wunſch?
Ernſt.
Erfuͤllt? — Es wird freylich hier und da,
dann und wann, einen ſolchen Mann geben.
Falk.
Nicht blos hier und da; nicht blos dann
und wann.
68
[68]
Ernſt.
Zu gewiſſen Zeiten, in gewiſſen Laͤndern auch
mehrere.
Falk.
Wie, wenn es dergleichen Maͤnner itzt uͤber-
all gaͤbe? zu allen Zeiten nun ferner geben
muͤßte?
Ernſt.
Wollte Gott!
Falk.
Und dieſe Maͤnner nicht in einer unwirkſa-
men Zerſtreuung lebten? nicht immer in einer
unſichtbaren Kirche?
[68]
Ernſt.
Zu gewiſſen Zeiten, in gewiſſen Laͤndern auch
mehrere.
Falk.
Wie, wenn es dergleichen Maͤnner itzt uͤber-
all gaͤbe? zu allen Zeiten nun ferner geben
muͤßte?
Ernſt.
Wollte Gott!
Falk.
Und dieſe Maͤnner nicht in einer unwirkſa-
men Zerſtreuung lebten? nicht immer in einer
unſichtbaren Kirche?
[68]
Ernſt.
Zu gewiſſen Zeiten, in gewiſſen Laͤndern auch
mehrere.
Falk.
Wie, wenn es dergleichen Maͤnner itzt uͤber-
all gaͤbe? Zu allen Zeiten nun ferner geben
muͤßte?
Ernſt.
Wollte Gott!
Falk.
Und dieſe Maͤnner nicht in einer unwirkſa-
men Zerſtreuung lebten? nicht immer in einer
unſichtbaren Kirche?
69
[69]
Ernſt.
Schoͤner Traum!
Falk.
Daß ich es kurz mache. — Und dieſe Maͤn-
ner die Freymaͤurer waͤren?
Ernſt.
Was ſagſt du?
Falk.
Wie, wenn es die Freymaͤurer waͤren, die
ſich mit zu ihrem Geſchaͤfte gemacht haͤtten,
jene Trennungen, wodurch die Menſchen einan-
der ſo fremd werden, ſo eng als moͤglich wie-
der zuſammen zu ziehen?
[69]
Ernſt.
Schoͤner Traum!
Falk.
Daß ich es kurz mache. — Und dieſe Maͤn-
ner die Freymaͤurer waͤren?
Ernſt.
Was ſagſt du?
Falk.
Wie, wenn es die Freymaͤurer waͤren, die
ſich mit zu ihrem Geſchaͤfte gemacht haͤtten,
jene Trennungen, wodurch die Menſchen einan-
der ſo fremd werden, ſo eng als moͤglich wie-
der zuſammen zu ziehen?
[69]
Ernſt.
Schoͤner Traum!
Falk.
Daß ich es kurz mache. — Und dieſe Maͤn-
ner die Freymaͤurer waͤren?
Ernſt.
Was ſagſt du?
Falk.
Wie, wenn es die Freymaͤurer waͤren, die
ſich mit zu ihrem Geſchaͤfte gemacht haͤtten,
jene Trennungen, wodurch die Menſchen einan-
der ſo fremd werden, ſo eng als moͤglich wie-
der zuſammen zu ziehen?
70
[70]
Ernſt.
Die Freymaͤurer?
Falk.
Ich ſage: mit zu ihrem Geſchaͤfte.
Ernſt.
Die Freymaͤurer?
Falk.
Ah1! verzeih! — Ich hatt es ſchon wieder
vergeſſen, daß du von den Freymaͤurern wei-
ter nichts hoͤren willſt — Dort winkt man uns
eben zum Fruͤhſtuͤcke. Komm!
[70]
Ernſt.
Die Freymaͤurer?
Falk.
Ich ſage: mit zu ihrem Geſchaͤfte.
Ernſt.
Die Freymaͤurer?
Falk.
Ah1! verzeih! — Ich hatt es ſchon wieder
vergeſſen, daß du von den Freymaͤurern wei-
ter nichts hoͤren willſt — Dort winkt man uns
eben zum Fruͤhſtuͤcke. Komm!
[70]
Ernſt.
Die Freymaͤurer?
Falk.
Ich ſage: mit zu ihrem Geſchaͤfte.
Ernſt.
Die Freymaͤurer?
Falk.
Ach1! verzeih! — Ich hatt es ſchon wieder
vergeſſen, daß du von den Freymaͤurern weiter
nichts hoͤren willſt — Dort winkt man uns
eben zum Fruͤhſtuͤcke. Komm!
71
[71]
Ernſt.
Nicht doch! — Noch einen Augenblick! —
Die Freymaͤurer, ſagſt du —
Falk.
Das Geſpraͤch brachte mich wider Willen auf
ſie zuruͤck. Verzeih! — Komm! Dort, in der
groͤſſern Geſellſchaft, werden wir bald Stoff zu
einer tauglichern Unterredung finden. Komm!
[71]
Ernſt.
Nicht doch! — Noch einen Augenblick! —
Die Freymaͤurer, ſagſt du —
Falk.
Das Geſpraͤch brachte mich wider Willen auf
ſie zuruͤck. Verzeih! — Komm! Dort, in der
groͤſſern Geſellſchaft, werden wir bald Stoff zu
einer tauglichern Unterredung finden. Komm!
[71]
Ernſt.
Nicht doch! — Noch einen Augenblick! —
Die Freymaͤurer, ſagſt du —
Falk.
Das Geſpraͤch brachte mich wider Willen auf
ſie zuruͤck. Verzeih! — Komm! dort, in der
groͤſſern Geſellſchaft, werden wir bald Stoff zu
einer tauglichern Unterredung finden. Komm!
72
[72]
[72]
[72]
73
[73]
Drittes Gespraͤch.

Ernſt.
Du biſt mir den ganzen Tag im Gedrenge der
Geſellſchaft ausgewichen. Aber ich verfolge dich
in dein Schlafzimmer.
Falk.
Haſt du mir ſo etwas wichtiges zu ſagen?
Der bloſſen Unterhaltung bin ich auf heute
muͤde.
Ernſt.
Du ſpotteſt meiner Neugierde.
[73]
Drittes Gespraͤch.

Ernſt.
Du biſt mir den ganzen Tag im Gedrenge der
Geſellſchaft ausgewichen. Aber ich verfolge dich
in dein Schlafzimmer.
Falk.
Haſt du mir ſo etwas wichtiges zu ſagen?
Der bloſſen Unterhaltung bin ich auf heute
muͤde.
Ernſt.
Du ſpotteſt meiner Neugierde.
[73]
Drittes Gespraͤch.

Ernſt.
Du biſt mir den ganzen Tag im Gedrenge der
Geſellſchaft ausgewichen. Aber ich verfolge dich
in dein Schlafzimmer.
Falk.
Haſt du mir ſo etwas wichtiges zu ſagen?
Der bloſſen Unterhaltung bin ich auf heute
muͤde.
Ernſt.
Du ſpotteſt meiner Neugierde.
74
[74]
Falk.
Deiner Neugierde?
Ernſt.
Die du dieſen Morgen ſo meiſterhaft zu er-
regen wußteſt.
Falk.
Wovon ſprachen wir dieſen Morgen?
Ernſt.
Von den Freymaͤurern.
Falk.
Nun? — Ich habe dir im Rauſche des Pyr-
monter doch nicht das Geheimniß verrathen?
[74]
Falk.
Deiner Neugierde?
Ernſt.
Die du dieſen Morgen ſo meiſterhaft zu er-
regen wußteſt.
Falk.
Wovon ſprachen wir dieſen Morgen?
Ernſt.
Von den Freymaͤurern.
Falk.
Nun? — Ich habe dir im Rauſche des Pyr-
monter doch nicht das Geheimniß verrathen?
[74]
Falk.
Deiner Neugierde?
Ernſt.
Die du dieſen Morgen ſo meiſterhaft zu er-
regen wußteſt.
Falk.
Wovon ſprachen wir dieſen Morgen?
Ernſt.
Von den Freymaͤurern.
Falk.
Nun? — Ich habe dir im Rauſche des Pyr-
monter doch nicht das Geheimniß verrathen?
75
[75]
Ernſt.
Das man, wie du ſagſt, gar nicht verrathen
kann.
Falk.
Nun freylich; das beruhigt mich wieder.
Ernſt.
Aber du haſt mir doch uͤber die Freymaͤurer
etwas geſagt; das mir unerwartet war; das mir
auffiel; das mich denken machte.
Falk.
Und was war das?
Ernſt.
O quaͤle mich nicht! — Du erinnerſt dich
deſſen gewiß.
[75]
Ernſt.
Das man, wie du ſagſt, gar nicht verrathen
kann.
Falk.
Nun freylich; das beruhigt mich wieder.
Ernſt.
Aber du haſt mir doch uͤber die Freymaͤurer
etwas geſagt, das mir unerwartet war; das mir
auffiel; das mich denken machte.
Falk.
Und was war das?
Ernſt.
O quaͤle mich nicht! — Du erinnerſt dich
deſſen gewiß.
[75]
Ernſt.
Das man, wie du ſagſt, gar nicht verrathen
kann.
Falk.
Nun freylich; das beruhigt mich wieder.
Ernſt.
Aber du haſt mir doch uͤber die Freymaͤurer
etwas geſagt; das mir unerwartet war; das mir
auffiel; das mich denken machte.
Falk.
Und was war das?
Ernſt.
O quaͤle mich nicht! — Du erinnerſt dich
deſſen gewiß.
76
[76]
Falk.
Ja; es faͤllt mir nach und nach wieder ein. —
Und das war es, was dich den ganzen langen
Tag unter deinen Freunden und Freundinnen ſo
abweſend machte?
Ernſt.
Das war es! — Und ich kann nicht ein-
ſchlafen, wenn du mir wenigſtens nicht noch
eine Frage beantworteſt.
Falk.
Nach dem die Frage ſeyn wird.
Ernſt.
Woher kannſt du mir aber beweiſen, wenig-
ſtens nur wahrſcheinlich machen, daß die Frey-


maͤurer
[76]
Falk.
Ja; es faͤllt mir nach und nach wieder ein. —
Und das war es, was dich den ganzen langen
Tag unter deinen Freunden und Freundinnen ſo
abweſend machte?
Ernſt.
Das war es! — Und ich kann nicht ein-
ſchlafen, wenn du mir wenigſtens nicht noch
eine Frage beantworteſt.
Falk.
Nach dem die Frage ſeyn wird.
Ernſt.
Woher kannſt du mir aber beweiſen, wenig-
ſtens nur wahrſcheinlich machen, daß die Frey-


maͤurer
[76]
Falk.
Ja; es faͤllt mir nach und nach wieder ein. —
Und das war es, was dich den ganzen langen
Tag unter deinen Freunden und Freundinnen ſo
abweſend machte?
Ernſt.
Das war es! — Und ich kann nicht ein-
ſchlafen, wenn du mir wenigſtens nicht noch
eine Frage beantworteſt.
Falk.
Nach dem die Frage ſeyn wird.
Ernſt.
Woher kannſt du mir aber beweiſen, wenig-
ſtens nur wahrſcheinlich machen, daß die Frey-


maͤurer
77
[77] wirklich jene groſſe und wuͤrdige Abſich-
ten haben?
Falk.
Habe ich dir von ihren Abſichten geſprochen?
Ich wuͤßte nicht. — Sondern da du dir gar
keinen Begriff von den wahren Thaten der Frey-
maͤurer machen konnteſt: habe ich dich blos auf
einen Punkt aufmerkſam machen wollen, wo
noch ſo vieles geſchehen kann, wovon ſich unſere
ſtaatsklugen Koͤpfe gar nichts traͤumen laſſen. —
Vielleicht, daß die Freymaͤurer da herum arbei-
ten. — Vielleicht! da herum! — Nur um
dir dein Vorurtheil zu benehmen, daß alle bau-
beduͤrffige Plaͤtze ſchon ausgefunden und beſetzt,
alle noͤthige Arbeiten ſchon unter die erforderli-
chen Haͤnde vertheilet waͤren.
[77] wirklich jene groſſe und wuͤrdige Abſich-
ten haben?
Falk.
Habe ich dir von ihren Abſichten geſprochen?
Ich wuͤßte nicht. — Sondern da du dir gar
keinen Begriff von den wahren Thaten der Frey-
maͤurer machen konnteſt: habe ich dich blos auf
einen Punkt aufmerkſam machen wollen, wo
noch ſo vieles geſchehen kann, wovon ſich unſere
ſtaatsklugen Koͤpfe gar nichts traͤumen laſſen. —
Vielleicht, daß die Freymaͤurer da herum arbei-
ten. — Vielleicht! da herum! — Nur um
dir dein Vorurtheil zu benehmen, daß alle bau-
beduͤrffige Plaͤtze ſchon ausgefunden und beſetzt,
alle noͤthige Arbeiten ſchon unter die erforderli-
chen Haͤnde vertheilet waͤren.
[77] wirklich jene groſſe und wuͤrdige Abſich-
ten haben?
Falk.
Habe ich dir von ihren Abſichten geſprochen?
Ich wuͤßte nicht. — Sondern da du dir gar
keinen Begriff von den wahren Thaten der Frey-
maͤurer machen konnteſt: habe ich dich blos auf
einen Punkt aufmerkſam machen wollen, wo
noch ſo vieles geſchehen kann, wovon ſich unſere
ſtaatsklugen Koͤpfe gar nichts traͤumen laſſen. —
Vielleicht, daß die Freymaͤurer da herum arbei-
ten. — Vielleicht! da herum! — Nur um
dir dein Vorurtheil zu benehmen, daß alle bau-
beduͤrffige Plaͤtze ſchon ausgefunden und beſetzt,
alle noͤthige Arbeiten ſchon unter die erforderli-
chen Haͤnde vertheilet waͤren.
78
[78]
Ernſt.
Wende dich itzt, wie du willſt. — Genug,
ich denke mir nun aus deinen Reden die Frey-
maͤurer als Leute, die es freywillig uͤber ſich ge-
nommen haben, den unvermeidlichen Uebeln des
Staats entgegen zu arbeiten.
Falk.
Dieſer Begriff kann den Freymaͤurern wenig-
ſtens keine Schande machen. — Bleib dabey! —
Nur faſſe ihn recht. Menge nichts hinein, was
nicht hinein gehoͤret. — Den unvermeidlichen
Uebeln des Staats! — Nicht dieſes und jenes
Staats. Nicht den unvermeidlichen Uebeln,
welche, eine gewiſſe Staatsverfaſſung einmal an-
genommen, aus dieſer angenommenen Staats-
verfaſſung nun nothwendig folgen. Mit dieſen
giebt ſich der Freymaͤurer niemals ab; wenigſtens
[78]
Ernſt.
Wende dich itzt, wie du willſt. — Genug,
ich denke mir nun aus deinen Reden die Frey-
maͤurer als Leute, die es freywillig uͤber ſich ge-
nommen haben, den unvermeidlichen Uebeln des
Staats entgegen zu arbeiten.
Falk.
Dieſer Begriff kann den Freymaͤurern wenig-
ſtens keine Schande machen. — Bleib dabey! —
Nur faſſe ihn recht. Menge nichts hinein, was
nicht hinein gehoͤret. — Den unvermeidlichen
Uebeln des Staats! — Nicht dieſes und jenes
Staats. Nicht den unvermeidlichen Uebeln,
welche, eine gewiſſe Staatsverfaſſung einmal an-
genommen, aus dieſer angenommenen Staats-
verfaſſung nun nothwendig folgen. Mit dieſen
giebt ſich der Freymaͤurer niemals ab; wenigſtens
[78]
Ernſt.
Wende dich itzt, wie du willſt. — Genug,
ich denke mir nun aus deinen Reden die Frey-
maͤurer als Leute, die es freywillig uͤber ſich ge-
nommen haben, den unvermeidlichen Uebeln des
Staats entgegen zu arbeiten.
Falk.
Dieſer Begriff kann den Freymaͤurern wenig-
ſtens keine Schande machen. — Bleib dabey! —
Nur faſſe ihn recht. Menge nichts hinein, was
nicht hinein gehoͤret. — Den unvermeidlichen
Uebeln des Staats! — Nicht dieſes und jenes
Staats. Nicht den unvermeidlichen Uebeln,
welche, eine gewiſſe Staatsverfaſſung einmal
angenommen, aus dieſer angenommenen Staats-
verfaſſung nun nothwendig folgen. Mit dieſen
giebt ſich der Freymaͤurer niemals ab; wenigſtens
79
[79]
nicht als Freymaͤurer. Die Linderung und Hei-
lung dieſer uͤberlaͤßt er dem Buͤrger, der ſich
nach ſeiner Einſicht, nach ſeinem Muthe, auf
ſeine Gefahr damit befaſſen mag. Uebel ganz
andrer Art, ganz hoͤherer Art, ſind der Gegen-
ſtand ſeiner Wirkſamkeit.
Ernſt.
Ich habe das ſehr wohl begriffen. — Nicht
Uebel, welche den mißvergnuͤgten Buͤrger ma-
chen, ſondern Uebel, ohne welche auch der
gluͤcklichſte Buͤrger nicht ſeyn kann.
Falk.
Recht! Dieſen entgegen — wie ſagteſt
Du? — entgegen zu arbeiten?
[79]
nicht als Freymaͤurer. Die Linderung und Hei-
lung dieſer uͤberlaͤßt er dem Buͤrger, der ſich
nach ſeiner Einſicht, nach ſeinem Muthe, auf
ſeine Gefahr damit befaſſen mag. Uebel ganz
andrer Art, ganz hoͤherer Art, ſind der Gegen-
ſtand ſeiner Wirkſamkeit.
Ernſt.
Ich habe das ſehr wohl begriffen. — Nicht
Uebel, welche den mißvergnuͤgten Buͤrger ma-
chen, ſondern Uebel, ohne welche auch der
gluͤcklichſte Buͤrger nicht ſeyn kann.
Falk.
Recht! Dieſen entgegen — wie ſagteſt
du? — entgegen zu arbeiten?
[79]
nicht als Freymaͤurer. Die Linderung und Hei-
lung dieſer uͤberlaͤßt er dem Buͤrger, der ſich
nach ſeiner Einſicht, nach ſeinem Muthe, auf
ſeine Gefahr damit befaſſen mag. Uebel ganz
andrer Art, ganz hoͤherer Art, ſind der Gegen-
ſtand ſeiner Wirkſamkeit.
Ernſt.
Ich habe das ſehr wohl begriffen. — Nicht
Uebel, welche den mißvergnuͤgten Buͤrger ma-
chen, ſondern Uebel, ohne welche auch der
gluͤcklichſte Buͤrger nicht ſeyn kann.
Falk.
Recht! Dieſen entgegen — wie ſagteſt
Du? — entgegen zu arbeiten?
80
[80]
Ernſt.
Ja!
Falk.
Das Wort ſagt ein wenig viel. — Entge-
gen arbeiten! — Um ſie voͤllig zu heben? —
Das kann nicht ſeyn. Denn man wuͤrde den
Staat ſelbſt mit ihnen zugleich vernichten. —
Sie muͤſſen nicht einmal denen mit eins merk-
lich gemacht werden, die noch gar keine Empfin-
dung davon haben. Hoͤchſtens dieſe Empfindung
in dem Menſchen von weiten veranlaſſen, ihr
Aufkeimen beguͤnſtigen, ihre Pflanzen verſetzen,
begaͤten, beblatten — kann hier entgegen ar-
beiten heiſſen. — Begreifſt du nun, warum ich
ſagte, ob die Freymaͤurer ſchon immer thaͤtig
waͤren, daß Jahrhunderte dennoch vergehen
koͤnnten, ohne daß ſich ſagen laſſe: das haben
ſie gethan.
[80]
Ernſt.
Ja!
Falk.
Das Wort ſagt ein wenig viel. — Entge-
gen arbeiten! — Um ſie voͤllig zu heben? —
Das kann nicht ſeyn. Denn man wuͤrde den
Staat ſelbſt mit ihnen zugleich vernichten. —
Sie muͤſſen nicht einmal denen mit eins merk-
lich gemacht werden, die noch gar keine Empfin-
dung davon haben. Hoͤchſtens dieſe Empfindung
in dem Menſchen von weiten veranlaſſen, ihr
Aufkeimen beguͤnſtigen, ihre Pflanzen verſetzen,
begaͤten, beblatten — kann hier entgegen ar-
beiten heiſſen. — Begreifſt du nun, warum ich
ſagte, ob die Freymaͤurer ſchon immer thaͤtig
waͤren, daß Jahrhunderte dennoch vergehen
koͤnnten, ohne daß ſich ſagen laſſe: das haben
ſie gethan.
[80]
Ernſt.
Ja!
Falk.
Das Wort ſagt ein wenig viel. — Entge-
gen arbeiten! — Um ſie voͤllig zu heben? —
Das kann nicht ſeyn. Denn man wuͤrde den
Staat ſelbſt mit ihnen zugleich vernichten. —
Sie muͤſſen nicht einmal denen mit eins merk-
lich gemacht werden, die noch gar keine Em-
pfindung davon haben. Hoͤchſtens dieſe Empfin-
dung in dem Menſchen von weiten veranlaſſen,
ihr Aufkeimen beguͤnſtigen, ihre Pflanzen verſetzen,
begaͤten, beblatten — kann hier entgegen ar-
beiten heiſſen. — Begreifſt du nun, warum ich
ſagte, ob die Freymaͤurer ſchon immer thaͤtig
waͤren, daß Jahrhunderte dennoch vergehen
koͤnnten, ohne daß ſich ſagen laſſe: das haben
ſie gethan.
81
[81]
Ernſt.
Und verſtehe auch nun den zweyten Zug des
Raͤthſels — Gute Thaten, welche gute Thaten
entbehrlich machen ſollen.
Falk.
Wohl! — Nun geh, und ſtudiere jene Uebel,
und lerne ſie alle kennen, und waͤge alle ihre
Einfluͤſſe gegen einander ab, und ſey verſichert,
daß dir dieſes Studium Dinge aufſchlieſſen wird,
die in Tagen der Schwermuth die niederſchla-
gendſten, unaufloͤslichſten Einwuͤrfe wider Vor-
ſehung und Tugend zu ſeyn ſcheinen. Dieſer
Aufſchluß, dieſe Erleuchtung wird dich ruhig und
gluͤcklich machen; — auch ohne Freymaͤurer zu
heiſſen.

[81]
Ernſt.
Und verſtehe auch nun den zweyten Zug des
Raͤthſels — Gute Thaten, welche gute Thaten
entbehrlich machen ſollen.
Falk.
Wohl! — Nun geh, und ſtudiere jene Uebel,
und lerne ſie alle kennen, und waͤge alle ihre
Einfluͤſſe gegen einander ab, und ſey verſichert,
daß dir dieſes Studium Dinge aufſchlieſſen wird,
die in Tagen der Schwermuth die niederſchla-
gendſten, unaufloͤslichſten Einwuͤrfe wider Vor-
ſehung und Tugend zu ſeyn ſcheinen. Dieſer
Aufſchluß, dieſe Erleuchtung wird dich ruhig und
gluͤcklich machen; — auch ohne Freymaͤurer zu
heiſſen.

[81]
Ernſt.
Und verſtehe auch nun den zweyten Zug des
Raͤthſels — Gute Thaten, welche gute Thaten
entbehrlich machen ſollen.
Falk.
Wohl! — Nun geh, und ſtudiere jene Uebel,
und lerne ſie alle kennen, und waͤge alle ihre
Einfluͤſſe gegen einander ab, und ſey verſichert,
daß dir dieſes Studium Dinge aufſchlieſſen wird,
die in Tagen der Schwermuth die niederſchla-
gendſten, unaufloͤslichſten Einwuͤrfe wider Vor-
ſehung und Tugend zu ſeyn ſcheinen. Dieſer
Aufſchluß, dieſe Erleuchtung wird dich ruhig und
gluͤcklich machen; — auch ohne Freymaͤurer zu
heiſſen.

82
[82]
Ernſt.
Du legeſt auf dieſes heiſſen ſo viel Nach-
druck.
Falk.
Weil man etwas ſeyn kann, ohne es zu
heiſſen.
Ernſt.
Gut das! ich verſteh — Aber auf meine
Frage wieder zu kommen, die ich nur ein wenig
anders einkleiden muß. Da ich ſie doch nun
kenne, die Uebel, gegen welche die Freymaͤure-
rey angehet — —
Falk.
Du kenneſt ſie?
[82]
Ernſt.
Du legeſt auf dieſes heiſſen ſo viel Nach-
druck.
Falk.
Weil man etwas ſeyn kann, ohne es zu
heiſſen.
Ernſt.
Gut das! ich verſteh — Aber auf meine
Frage wieder zu kommen, die ich nur ein wenig
anders einkleiden muß. Da ich ſie doch nun
kenne, die Uebel, gegen welche die Freymaͤure-
rey angehet — —
Falk.
Du kenneſt ſie?
[82]
Ernſt.
Du legeſt auf dieſes heiſſen ſo viel Nach-
druck.
Falk.
Weil man etwas ſeyn kann, ohne es zu
heiſſen.
Ernſt.
Gut das! ich verſteh — Aber auf meine
Frage wieder zu kommen, die ich nur ein wenig
anders einkleiden muß. Da ich ſie doch nun
kenne, die Uebel, gegen welche die Freymaͤure-
rey angehet — —
Falk.
Du kenneſt ſie?
83
[83]
Ernſt.
Haſt du mir ſie nicht ſelbſt genannt?
Falk.
Ich habe dir einige zur Probe namhaft1 ge-
macht. Nur einige von denen, die auch dem
kurzſichtigſten Auge einleuchten: nur einige von
den unſtreitigſten, weit umfaſſendſten. — Aber
wie viele ſind nicht noch uͤbrig, die, ob ſie
ſchon nicht ſo einleuchten, nicht ſo unſtreitig
ſind, nicht ſo viel umfaſſen, dennoch nicht weni-
ger gewiß, nicht weniger nothwendig ſind!
Ernſt.
So laß mich meine Frage denn blos auf die-
jenigen Stuͤcke einſchraͤnken, die du mir ſelbſt
namhaft2 gemacht haſt. — Wie beweiſeſt du
mir auch nur von dieſen Stuͤcken, daß die
[83]
Ernſt.
Haſt du mir ſie nicht ſelbſt genannt?
Falk.
Ich habe dir einige zur Probe nahmhaft1 ge-
macht. Nur einige von denen, die auch dem
kurzſichtigſten Auge einleuchten: nur einige von
den unſtreitigſten, weit umfaſſendſten. — Aber
wie viele ſind nicht noch uͤbrig, die, ob ſie
ſchon nicht ſo einleuchten, nicht ſo unſtreitig
ſind, nicht ſo viel umfaſſen, dennoch nicht weni-
ger gewiß, nicht weniger nothwendig ſind!
Ernſt.
So laß mich meine Frage denn blos auf die-
jenigen Stuͤcke einſchraͤnken, die du mir ſelbſt
nahmhaft2 gemacht haſt. — Wie beweiſeſt du
mir auch nur von dieſen Stuͤcken, daß die
[83]
Ernſt.
Haſt du mir ſie nicht ſelbſt genannt?
Falk.
Ich habe dir einige zur Probe namhaft1 ge-
macht. Nur einige von denen, die auch dem
kurzſichtigſten Auge einleuchten: nur einige von
den unſtreitigſten, weit umfaſſendſten. — Aber
wie viele ſind nicht noch uͤbrig, die, ob ſie
ſchon nicht ſo einleuchten, nicht ſo unſtreitig
ſind, nicht ſo viel umfaſſen, dennoch nicht weni-
ger gewiß, nicht weniger nothwendig ſind!
Ernſt.
So laß mich meine Frage denn blos auf die-
jenigen Stuͤcke einſchraͤnken, die du mir ſelbſt
namhaft2 gemacht haſt. — Wie beweiſeſt du
mir auch nur von dieſen Stuͤcken, daß die
84
[84]
Freymaͤurer wirklich ihr Abſehen darauf ha-
ben? — Du ſchweigſt? — Du ſinneſt nach?
Falk.
Wahrlich nicht dem, was ich auf dieſe Frage
zu antworten haͤtte! — Aber ich weiß nicht,
was ich mir fuͤr Urſachen denken ſoll, warum du
mir dieſe Frage thuſt?
Ernſt.
Und du willſt mir meine Frage beantworten,
wenn ich dir die Urſachen derſelben ſage?
Falk.
Das verſpreche ich dir.
Ernſt.
Ich kenne und fuͤrchte deinen Scharfſinn.
[84]
Freymaͤurer wirklich ihr Abſehen darauf ha-
ben? — Du ſchweigſt? — Du ſinneſt nach?
Falk.
Wahrlich nicht dem, was ich auf dieſe Frage
zu antworten haͤtte! — Aber ich weiß nicht,
was ich mir fuͤr Urſachen denken ſoll, warum du
mir dieſe Frage thuſt?
Ernſt.
Und du willſt mir meine Frage beantworten,
wenn ich dir die Urſachen derſelben ſage?
Falk.
Das verſpreche ich dir.
Ernſt.
Ich kenne und fuͤrchte deinen Scharfſinn.
[84]
Freymaͤurer wirklich ihr Abſehen darauf ha-
ben? — Du ſchweigſt? — Du ſinneſt nach?
Falk.
Wahrlich nicht dem, was ich auf dieſe Frage
zu antworten haͤtte! — Aber ich weiß nicht,
was ich mir fuͤr Urſachen denken ſoll, warum du
mir dieſe Frage thuſt?
Ernſt.
Und du willſt mir meine Frage beantworten,
wenn ich dir die Urſachen derſelben ſage?
Falk.
Das verſpreche ich dir.
Ernſt.
Ich kenne und fuͤrchte deinen Scharfſinn.
85
[85]
Falk.
Meinen Scharfſinn?
Ernſt.
Ich fuͤrchte, du verkaufſt mir deine Specu-
lation fuͤr Thatſache.
Falk.
Sehr verbunden!
Ernſt.
Beleidiget dich das?
Falk.
Vielmehr muß ich dir danken, daß du Scharf-
ſinn nenneſt, was du ganz anders haͤtteſt benen-
nen koͤnnen.
[85]
Falk.
Meinen Scharfſinn?
Ernſt.
Ich fuͤrchte, du verkaufſt mir deine Specu-
lation fuͤr Thatſache.
Falk.
Sehr verbunden!
Ernſt.
Beleidiget dich das?
Falk.
Vielmehr muß ich dir danken, daß du Scharf-
ſinn nenneſt, was du ganz anders haͤtteſt benen-
nen koͤnnen.
[85]
Falk.
Meinen Scharfſinn?
Ernſt.
Ich fuͤrchte, du verkaufſt mir deine Specu-
lation fuͤr Thatſache.
Falk.
Sehr verbunden!
Ernſt.
Beleidiget dich das?
Falk.
Vielmehr muß ich dir danken, daß du Scharf-
ſinn nenneſt, was du ganz anders haͤtteſt benen-
nen koͤnnen.
86
[86]
Ernſt.
Gewiß nicht. Sondern ich weiß, wie leicht
der Scharfſinnige ſich ſelbſt betriegt; wie leicht
er andern Leuten Plane und Abſichten leihet und
unterlegt, an die ſie nie gedacht haben.
Falk.
Aber woraus ſchließt man auf der Leute Pla-
ne und Abſichten? Aus ihren einzeln Handlun-
gen doch wohl?
Ernſt.
Woraus ſonſt? — Und hier bin ich wieder
bey meiner Frage. — Aus welchen einzeln, un-
ſtreitigen Handlungen der Freymaͤurer iſt abzu-
nehmen, daß es auch nur mit ihr Zweck iſt, jene
von dir benannte Trennung, welche Staat und
Staaten unter den Menſchen nothwendig ma-


chen
[86]
Ernſt.
Gewiß nicht. Sondern ich weiß, wie leicht
der Scharfſinnige ſich ſelbſt betriegt; wie leicht
er andern Leuten Plane und Abſichten leihet und
unterlegt, an die ſie nie gedacht haben.
Falk.
Aber woraus ſchließt man auf der Leute Pla-
ne und Abſichten? Aus ihren einzeln Handlun-
gen doch wohl?
Ernſt.
Woraus ſonſt? — Und hier bin ich wieder
bey meiner Frage. — Aus welchen einzeln, un-
ſtreitigen Handlungen der Freymaͤurer iſt abzu-
nehmen, daß es auch nur mit ihr Zweck iſt, jene
von dir benannte Trennung, welche Staat und
Staaten unter den Menſchen nothwendig ma-


chen
[86]
Ernſt.
Gewiß nicht. Sondern ich weiß, wie leicht
der Scharfſinnige ſich ſelbſt betriegt; wie leicht
er andern Leuten Plane und Abſichten leihet und
unterlegt, an die ſie nie gedacht haben.
Falk.
Aber woraus ſchließt man auf der Leute Pla-
ne und Abſichten? Aus ihren einzeln Handlun-
gen doch wohl?
Ernſt.
Woraus ſonſt? — Und hier bin ich wieder
bey meiner Frage. — Aus welchen einzeln, un-
ſtreitigen Handlungen der Freymaͤurer iſt abzu-
nehmen, daß es auch nur mit ihr Zweck iſt, jene
von dir benannte Trennung, welche Staat und
Staaten unter den Menſchen nothwendig ma-


chen
87
[87] muͤſſen, durch ſich und in ſich wieder zu
vereinigen.
Falk.
Und zwar ohne Nachtheil dieſes Staats,
und dieſer Staaten.
Ernſt.
Deſto beſſer! — Es brauchen auch vielleicht
nicht Handlungen zu ſeyn, woraus jenes abzu-
nehmen. Wenn es nur gewiſſe Eigenthuͤmlich-
keiten, Beſonderheiten ſind, die dahin leiten,
oder daraus entſpringen. — Von dergleichen
muͤßteſt du ſogar in deine Speculation ausge-
gangen ſeyn; geſetzt, daß dein Syſtem nur Hy-
potheſe waͤre.
[87] muͤſſen, durch ſich und in ſich wieder zu
vereinigen.
Falk.
Und zwar ohne Nachtheil dieſes Staats,
und dieſer Staaten.
Ernſt.
Deſto beſſer! — Es brauchen auch vielleicht
nicht Handlungen zu ſeyn, woraus jenes abzu-
nehmen. Wenn es nur gewiſſe Eigenthuͤmlich-
keiten, Beſonderheiten ſind, die dahin leiten,
oder daraus entſpringen. — Von dergleichen
muͤßteſt du ſogar in deine Speculation ausge-
gangen ſeyn; geſetzt, daß dein Syſtem nur Hy-
potheſe waͤre.
[87] muͤſſen, durch ſich und in ſich wieder zu
vereinigen.
Falk.
Und zwar ohne Nachtheil dieſes Staats,
und dieſer Staaten.
Ernſt.
Deſto beſſer! — Es brauchen auch vielleicht
nicht Handlungen zu ſeyn, woraus jenes abzu-
nehmen. Wenn es nur gewiſſe Eigenthuͤmlich-
keiten, Beſonderheiten ſind, die dahin leiten,
oder daraus entſpringen. — Von dergleichen
muͤßteſt du ſogar in deine Speculation ausge-
gangen ſeyn; geſetzt, daß dein Syſtem nur Hy-
potheſe waͤre.
88
[88]
Falk.
Dein Mißtrauen aͤuſſert ſich noch. — Aber
ich hoffe, es ſoll ſich verlieren, wenn ich dir
ein Grundgeſetz der Freymaͤurer zu Gemuͤthe
fuͤhre.
Ernſt.
Und welches?
Falk.
Aus welchem ſie nie ein Geheimniß gemacht
haben. Nach welchem ſie immer vor den Augen
der ganzen Welt gehandelt haben.
Ernſt.
Das iſt?
Falk.
Das iſt, jeden wuͤrdigen Mann von gehoͤri-
ger Anlage, ohne Unterſchied des Vaterlandes,
[88]
Falk.
Dein Mißtrauen aͤuſſert ſich noch. — Aber
ich hoffe, es ſoll ſich verlieren, wenn ich dir
ein Grundgeſetz der Freymaͤurer zu Gemuͤthe
fuͤhre.
Ernſt.
Und welches?
Falk.
Aus welchem ſie nie ein Geheimniß gemacht
haben. Nach welchem ſie immer vor den Augen
der ganzen Welt gehandelt haben.
Ernſt.
Das iſt?
Falk.
Das iſt, jeden wuͤrdigen Mann von gehoͤri-
ger Anlage, ohne Unterſchied des Vaterlandes,
[88]
Falk.
Dein Mißtrauen aͤuſſert ſich noch. — Aber
ich hoffe, es ſoll ſich verlieren, wenn ich dir
ein Grundgeſetz der Freymaͤurer zu Gemuͤthe
fuͤhre.
Ernſt.
Und welches?
Falk.
Aus welchem ſie nie ein Geheimniß gemacht
haben. Nach welchem ſie immer vor den Augen
der ganzen Welt gehandelt haben.
Ernſt.
Das iſt?
Falk.
Das iſt, jeden wuͤrdigen Mann von gehoͤri-
ger Anlage, ohne Unterſchied des Vaterlandes,
89
[89]
ohne Unterſchied der Religion, ohne Unterſchied
ſeines buͤrgerlichen Standes, in ihren Orden
aufzunehmen.
Ernſt.
Wahrhaftig!
Falk.
Freylich ſcheint dieſes Grundgeſetze derglei-
chen Maͤnner, die uͤber jene Trennungen hin-
weg ſind, vielmehr bereits voraus zu ſetzen, als
die Abſicht zu haben, ſie zu bilden. Allein das
Nitrum muß ja wohl in der Luft ſeyn, ehe es
ſich als Salpeter an den Waͤnden anlegt.
Ernſt.
O ja!
Falk.
Und warum ſollten die Freymaͤurer ſich nicht
hier einer gewoͤhnlichen Liſt haben bedienen duͤrf-


fen
[89]
ohne Unterſchied der Religion, ohne Unterſchied
ſeines buͤrgerlichen Standes, in ihren Orden
aufzunehmen.
Ernſt.
Wahrhaftig!
Falk.
Freylich ſcheint dieſes Grundgeſetze derglei-
chen Maͤnner, die uͤber jene Trennungen hin-
weg ſind, vielmehr bereits voraus zu ſetzen, als
die Abſicht zu haben, ſie zu bilden. Allein das
Nitrum muß ja wohl in der Luft ſeyn, ehe es
ſich als Salpeter an den Waͤnden anlegt.
Ernſt.
O ja!
Falk.
Und warum ſollten die Freymaͤurer ſich nicht
hier einer gewoͤhnlichen Liſt haben bedienen duͤrf-


fen
[89]
ohne Unterſchied der Religion, ohne Unterſchied
ſeines buͤrgerlichen Standes, in ihren Orden
aufzunehmen.
Ernſt.
Wahrhaftig!
Falk.
Freylich ſcheint dieſes Grundgeſetze derglei-
chen Maͤnner, die uͤber jene Trennungen hin-
weg ſind, vielmehr bereits voraus zu ſetzen, als
die Abſicht zu haben, ſie zu bilden. Allein das
Nitrum muß ja wohl in der Luft ſeyn, ehe es
ſich als Salpeter an den Waͤnden anlegt.
Ernſt.
O ja!
Falk.
Und warum ſollten die Freymaͤurer ſich nicht
hier einer gewoͤhnlichen Liſt haben bedienen duͤrf-


fen
90
[90]? — Daß man einen Theil ſeiner geheimen
Abſichten ganz offenbar treibt, um den Argwohn
irre zu fuͤhren, der immer ganz etwas anders
vermuthet, als er ſieht.
Ernſt.
Warum nicht?
Falk.
Warum ſollte der Kuͤnſtler, der Silber ma-
chen kann, nicht mit altem Bruchſilber handeln,
damit man ſo weniger argwohne, daß er es ma-
chen kann?
Ernſt.
Warum nicht?
[90]? — Daß man einen Theil ſeiner geheimen
Abſichten ganz offenbar treibt, um den Argwohn
irre zu fuͤhren, der immer ganz etwas anders
vermuthet, als er ſieht.
Ernſt.
Warum nicht?
Falk.
Warum ſollte der Kuͤnſtler, der Silber ma-
chen kann, nicht mit altem Bruchſilber handeln,
damit man ſo weniger argwohne, daß er es ma-
chen kann?
Ernſt.
Warum nicht?
[90]? — Daß man einen Theil ſeiner geheimen
Abſichten ganz offenbar treibt, um den Argwohn
irre zu fuͤhren, der immer ganz etwas anders
vermuthet, als er ſieht.
Ernſt.
Warum nicht?
Falk.
Warum ſollte der Kuͤnſtler, der Silber ma-
chen kann, nicht mit altem Bruchſilber handeln,
damit man ſo weniger argwohne, daß er es ma-
chen kann?
Ernſt.
Warum nicht?
91
[91]
Falk.
Ernſt! — Hoͤrſt du mich? — Du antwor-
teſt im Traume, glaub ich.
Ernſt.
Nein, Freund! Aber ich habe genug; genug
auf dieſe Nacht. Morgen, mit dem fruͤhſten,
kehre ich wieder nach der Stadt.
Falk.
Schon? Und warum ſo bald?
Ernſt.
Du kennſt mich, und fragſt? Wie lange
dauert deine Brunnenkur noch?
[91]
Falk.
Ernſt! — Hoͤrſt du mich? — Du antwor-
teſt im Traume, glaub ich.
Ernſt.
Nein, Freund! Aber ich habe genug; genug
auf dieſe Nacht. Morgen, mit dem fruͤhſten,
kehre ich wieder nach der Stadt.
Falk.
Schon? Und warum ſo bald?
Ernſt.
Du kennſt mich, und fragſt? Wie lange
dauert deine Brunnenkur noch?
[91]
Falk.
Ernſt! — Hoͤrſt du mich? — Du antwor-
teſt im Traume, glaub ich.
Ernſt.
Nein, Freund! Aber ich habe genug; genug
auf dieſe Nacht. Morgen, mit dem fruͤhſten,
kehre ich wieder nach der Stadt.
Falk.
Schon? Und warum ſo bald?
Ernſt.
Du kennſt mich, und fragſt? Wie lange
dauert deine Brunnenkur noch?
92
[92]
Falk.
Ich habe ſie vorgeſtern erſt angefangen.
Ernſt.
So ſehe ich dich vor dem Ende derſelben
noch wieder. — Lebe wohl! gute Nacht!
Falk.
Gute Nacht! lebe wohl!
[92]
Falk.
Ich habe ſie vorgeſtern erſt angefangen.
Ernſt.
So ſehe ich dich vor dem Ende derſelben
noch wieder. — Lebe wohl! gute Nacht!
Falk.
Gute Nacht! lebe wohl!
[92]
Falk.
Ich habe ſie vorgeſtern erſt angefangen.
Ernſt.
So ſehe ich dich vor dem Ende derſelben
noch wieder. — Lebe wohl! gute Nacht!
Falk.
Gute Nacht! lebe wohl.
93
[93]
Zur Nachricht.
Der Funke hatte gezuͤndet: Ernſt ging1, und
ward Freymaͤurer. Was er vors erſte da fand,
iſt der Stoff eines 4ten und 5ten Geſpraͤchs,
mit welchem — ſich der Weg ſcheidet.
[93]
Zur Nachricht.
Der Funke hatte gezuͤndet: Ernſt ging1, und
ward Freymaͤurer. Was er vors erſte da fand,
iſt der Stoff eines 4ten und 5ten Geſpraͤchs,
mit welchem — ſich der Weg ſcheidet.
[93]
Zur Nachricht.
Der Funke hatte gezuͤndet: Ernſt gieng1, und
ward Freymaͤurer. Was er vors erſte da fand,
iſt der Stoff eines 4ten und 5ten Geſpraͤchs,
mit welchem — ſich der Weg ſcheidet.